Angeregt durch die Diskussionen rund um SOA im Blog der OOP 2008 habe ich nochmal meine Gedanken schweifen lassen... Gewöhnlich beschäftige ich mich ja nicht mit den großen Enterprise Architekturen, sondern versuche erstmal die .NET-Entwicklergemeinde vom Wert bewusster Architektur im Kleineren, "nur" für ihre Anwendungen zu überzeugen. Aber wo die Diskussion zu SOA schon so lebhaft ist, kann ich mich ihr auch nicht ganz entziehen. Allemal nicht, da sie - unausgesprochen zwar, aber dennoch - etwas mit einem Thema zu tun hat, das mich auch schon interessiert hat: die Beherrschung der Komplexität von Software. Heute nun bin ich beim Gedanken schweifen lassen über eine verwegene Idee in dieser Hinsicht gestolpert:
SOA hat ja sicherlich einiges mit Komplexität zu tun. Oder überhaupt geht es bei großen und noch größeren Softwaresystemen immer um Komplexität, egal ob sie nun etwas mit SOA zu tun haben oder nicht.
Nun scheint es mir, als versuche man diese Komplexität durch gute Planung in den Griff zu bekommen. Hört sich doch auch vernünftig an, oder? Komplizierte, ja komplexe Produkte wollen geplant sein. Vom Auto über einen Airbus bis zur Unternehmenssoftware. In meinen Publikationen und bei meinen Beratungsterminen spreche ich auch immer wieder von Planung für gute Architektur, d.h. bewusster, kontrollierter Anordnung und Verbindung von Softwareartefakten.
Jetzt die verwegene Idee: Was, wenn eben diese Planung kontraproduktiv wäre? Was, wenn Planung umso kontraproduktiver wäre, je komplexer die Software ist? Was, wenn zentrales Vordenken von komplexer Software eine Kontrollillusion wäre? Die Phantasie von "Maschienenbauern" und ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert?
Wie bin ich auf solch eine verwegene Idee komme? Ich hatte meinen Blick mal wieder über den Rand meines Laptop in die Welt gerichtet. Eine Stunde beim Sport hatte mir den Kopf freigepustet von überkommenen Softwareentwicklungsvorstellungen. Was ich dann jenseits meines Laptops sah, war eine Welt der Komplexität. Komplexe Systeme überall: vom Ameisenhaufen bis zur globalen Wirtschaft. Und all diese Systeme... ohne Planung.
Es gibt keinen Lenker der Ameisen und Bienen. Es gibt keine zentrale Planung unserer Städte. Auch die Bundesregierung plant nicht zentral. Die heute vorherrschende Ideologie von Demokratie und darauf aufsetzender Marktwirtschaft ist geradezu die Antithese jeder zentralen Planung und Kontrolle. Es gibt vielleicht eine gewisse Lenkung... aber Planung?
Eine Uhr, ein Auto, eine Fabrik... ja, die werden noch geplant. Aber die sind im Vergleich zu (großer) Software auch noch nicht wirklich komplex. Das liegt daran, dass deren Umwelten ungleich stabiler sind, als die von Software. Wirklich komplexe Situationen und "Gebilde" jedoch, die entziehen sich Planung und zentraler Kontrolle.
Auch wenn es Städteplaner gibt, so plant niemand Städte langfristig im Voraus. Oder zumindest werden sie nicht im Detail im Voraus geplant. Städte sind wachsende Gebilde, die vor allem von unzähligen individuellen Entscheidungen geprägt werden. Dasselbe gilt für die Wirtschaft. Das ist geradezu kafkaesk, denn damit ist das große Ganze, das wahrhaft Komplexe nicht mehr in der Verantwortlichkeit Weniger. In einem Schwarm ist bei einem Missstand "der eine Schuldige" nicht mehr auszumachen; es gibt ihn einfach nicht. Dafür ist der Schwarm flexibel, anpassungsfähig.
Auf die Softwareentwicklung bezogen ergibt sich aus dieser Erkenntnis die Frage: Versuchen wir immer noch oder schon wieder zuviel zu planen? Wäre mehr Planlosigkeit, die Abwesenheit eines klaren Planes eine bessere Strategie für Erfolg? Die Agilitätsbewegung hat ja schon in gewisser Weise den Plänen den Kampf angesagt. Inkremente statt Wasserfall, kleine Schritte statt großer Sprung. Aber ist das vielleicht immer noch zuviel? Müssen wir uns vielleicht noch radikaler vom Planen verabschieden?
Probate Mittel, um Komplexität zu beherrschen sind Hierarchien, Ordnung, Entkopplung. Die ultimative Strategie ist jedoch überhaupt die Abgabe von Kontrolle. Wo Komplexität nicht mehr beherrscht werden muss, stellt sie auch kein Problem dar. Dazu bedarf es natürlich des Vertrauens. Vertrauen in diejenigen, an die die Kontrolle abgegeben wird, die unendlich vielen kleinen "Rädchen im Getriebe", die lokale Entscheidungen treffen. Und Vertrauen an die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten, die Rahmenbedingungen.
Meine verwegene Idee zum Umgang mit komplexer Software ist also, diese Software nicht mehr zu planen, sondern sie entstehen zu lassen, sie wachsen zu lassen. Komplexe Software braucht keine Planer, die tausende Webservices so oder anders schneiden. Komplexe Software braucht keine vorgedachte Architektur.
Statt eines Masterplans braucht komplexe Software vielmehr Grundwerte und -gesetze, einfache Rahmenbedingungen, die Möglichkeit zum Experiment und maximale Kommunikationsmöglichkeiten für die real-time Kollaboration zwischen allen Beteiligten. Komplexe Software braucht ein Ökosystem, in dem sie sich entwickeln kann. Und das bezieht sowohl Entwickler wie Anwender und Kunden mit ein.
Die Funktion komplexer Software ist dann kein Ergebnis mehr von zentralem Kundenwunsch gechannelt durch Analysten und Architekten, sondern emergent. Komplexe Software ist dann das Ergebnis eines Schwarms und spiegelt die Bedürfnisse und die Intelligenz der Masse wider.
Der Gewinn? Eine maximal flexible Software, die sich ständig den Umweltanforderungen anpasst.
Die Herausforderungen? Ganz ohne alle Vordenken geht es natürlich am Ende doch nicht. Aber die Planung ist verlagert auf die Meta-Ebene. Statt konkreter Artefakte werden allgemeine Regeln für Artefakte geplant. Führung bedeutet nicht mehr Kontrolle der Planeinhaltung, sondern Hilfe zur Regeleinhaltung. Und Führung muss sicherstellen, dass der Informationsfluss ungehindert ist.
Ich weiß, das klingt alles ein wenig utopisch/theoretisch. Wie genau so ein Zeitalter der Post-Agilität, der Schwarmentwicklung aussieht, weiß ich auch noch nicht. Es gibt sicher auch gewaltige technische Hürden zu überwinden; so ist das vorherrschende Modell von Software als Text dafür zu starr, Gleiches gilt auch für die Datenbankschemata.
Aber ich bin mir nach diesem Gedankenausflug recht sicher, dass die aktuellen Antworten auf den Trend zu immer leistungsfähigerer, immer komplexerer Software ungenügend sind - zumindest solange ein wie immer gearteter Drang zu steigender Kontrolle dahinter steht. Denn Kontrolle steht im Widerspruch zu Komplexität. Wenn aber eines sicher ist, dann ist es, dass die Komplexität unserer Software bzw. des Gesamtsystems Mensch-Software oder Unternehmen-Software weiter steigt. Die Kontrolle kann also nur geringer werden - ob wir es wollen oder nicht -, wenn wir passgenaue und überlebensfähige Softwaresysteme haben wollen.