Ob Softwareentwickler Aufwand schätzen können oder nicht… Das lasse ich zur Abwechslung heute mal dahingestellt. Stattdessen frage ich mal: Was sagen Schätzungen denn eigentlich aus?
Szenario 1: Ein Manager fragt seine Frau, wie lang sie für den Weihnachtsbraten wohl braucht. Sie schätzt, dass es wohl 3 Stunden sein werden.
Szenario 2: Ein Manager fragt den Klempner seines Vertrauens, wie lang er wohl für die Badezimmerrenovierung inkl. Austausch der Steigleitungen braucht. Er schätzt, dass es wohl 6 Tage sein werden.
Szenario 3: Ein Manager fragt seinen Entwickler, wie lang der wohl für eine Zahlungseingangs- und Mahnwesen-Anwendung braucht. Der schätzt, dass es wohl 5 Wochen sein werden.
Der geneigte Leser prüfe sich nun, wie er die Schätzungen in den drei Szenarien einschätzt. Sind die alle gleich vertrauenswürdig? Wenn nein, wodurch unterscheiden sich die Szenarien?
In allen Szenarien sind in der Sache grundsätzlich Erfahrene befragt worden. Ich hoffe, da sind wir uns einig. Ja, die Größenordnungen liegen auseinander – Stunden, Tage, Wochen –, aber da sehe ich nicht das Problem. Wenn Erfahrene sich verschätzen, dann doch wohl um einen nicht allzugroßen Prozentsatz, oder? Aus 3 Stunden könnten 4 werden; die Hausfrau hätte sich um 33% verschätzt – aber, hey, das kann doch passieren, oder? Aus 6 Tagen können 8 werden; hey, kein Problem, sowas kann passieren, oder? Oder aus 5 Wochen werden 6 Wochen. Wer hätte das nicht schon bei Softwareentwicklung erlebt. Alles normal, oder?
Das Problem sehe ich nicht beim Verschätzen. Ich glaube zwar immer noch, dass sich Hausfrau und Klempner weniger verschätzen als Softwareentwickler – aber für heute mal egal. Lassen wir sie alle gleich gut schätzen und sind wir mit 33% Überziehung zufrieden. Es könnte schlimmer kommen.
Nein, das Problem liegt woanders.
Szenario 1: Wie lange würde die Frau des Nachbarn des Managers für denselben Weihnachtsbraten wohl brauchen? Die schätzt auf 2 Stunden. Und der Mann der Chefin des Managers? Der würde auf 5 Stunden schätzen.
Szenario 2: Wie lange würde der Schwager des Managers als Heimwerker für die Badrenovierung brauchen? Vielleicht 10 Tage. Und wie lange würde der Großklempner am anderen Ende der Stadt schätzen? Vielleicht 4 Tage.
Bei Szenario 1 und 2 ist es relativ egal, wen man nach einer Schätzung fragt. Wenn der potenzielle Auftragnehmer einigermaßen erfahren in der Sache ist, dann werden die Schätzungen vielleicht um 50%-100% differieren. Hört sich viel an – ist es aber nicht. Denn:
Szenario 3: Wie lange würde der Schwager des Managers für die Anwendung brauchen? Vielleicht 5 Monate. Wie lange würde der Senior-Entwickler aus dem anderen Team brauchen, der leider unabkömmlich ist? Vielleicht 5 Tage.
Damit sind wir beim Kern des Schätzproblems der Softwareentwicklung: der ungewissen Produktivität.
In der Softwarebranche differiert die Produktivität einzelner Entwickler um mehr als eine Zehnerpotenz – unabhängig von der Erfahrung. D.h. der eine Entwickler braucht für eine Aufgabe 1 Stunde, der andere bis zu 10 Stunden und mehr. Das fängt schon beim Allersimpelsten an. Ich habe es selbst oft getestet mit Entwicklern, die ich in Trainings, in Bewerbungsgesprächen und bei Beratungen treffe. Denen gebe ich eine ganz, ganz einfache Aufgabe; manche brauchen dann 30 Sekunden, um sie zu lösen – und andere brauchen mehr als 3 Minuten. Wohlgemerkt für eine Sache, wo es keine zwei Meinungen gibt und das Ergebnis max. 5 Zeilen Code umfasst.
In anderen Branchen gibt es natürlich auch Produktivitätsunterschiede. Ein Koch mag doppelt so schnell sein wie der andere, ein Klempner gar dreimal so schnell wie der andere. Im Einzelfall ist es dann misslich, wenn man an den langsamen Vertreter einer Zunft gerät – aber eigentlich ist der Unterschied fast vernachlässigbar gegenüber dem in der Softwarebranche.
Das nun mal in Anschlag gebracht für das Schätzen: Wenn die Produktivität um den Faktor 10 differiert und ein Entwickler schätzt Aufwand… was sagt mir dann die Schätzung?
Sie sagt mir nur, dass der Entwickler ca. so lange braucht, wie er schätzt. Der Manager in Szenario 3 hört 5 Wochen, denkt sich seinen Teil, drückt den Entwickler dann auf 4 Wochen (weil Entwickler ja immer trödeln und Puffer einrechnen) – und ist zufrieden.
Was der Manager nicht weiß ist, wie produktiv der Entwickler ist. Er kennt die Güte des Entwicklers nicht oder höchstens in Bezug auf andere Entwickler in seinem Team, von denen er auch nicht weiß, wie gut sie sind. Der Manager weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass der Faktor 10 und höher für den Produktivitätsunterschied in der Branche ist.
Dasselbe gilt natürlich für Teams. Vielleicht nivellieren sich im Team die Unterschiede aus – aber ist dann nur noch ein Faktor 5 gültig? Nein, ich denke er ist höher. Das liegt daran, dass die Ausbildung in unserer Branche so notorisch uneinheitlich und damit unzuverlässig ist. Wirklich gute Entwickler sind viel seltener – so mein Gefühl – als wirklich schlechte Entwickler.
Selbst wenn ein Kunde also Angebote einholt für ein größeres Projekt – die reichen von 2000 PT über 2500 PT bis zu 3200 PT –, weiß er nichts darüber, wieviel Geld er womöglich verschenkt, weil sich das Problem eigentlich auch in 750 PT erledigen ließe – wenn denn wirklich gute Teams geschätzt hätten.
Nun mag man sagen, “Tja, so ist es halt in der Softwareentwicklung…” Aber ich halte mal dagegen: Ist das nicht ein erbärmlicher Zustand? Wird da nicht volkswirtschaftlicher Schaden angerichtet, wenn die Produktivitätsunterschiede de facto so groß sind und es keiner in der Branche thematisiert und kein Kunde weiß?
Was hat da Schätzen noch für einen Wert? 6 Tage oder 10 Tage für die Badrenovierung… geschenkt. Mehrere Wochen statt 5 Tagen aber… da sollte jeder Manager, jeder Controller hellhörig werden. Das passiert aber nicht. Stattdessen reibt sich der Manager die Hände, weil er aus 5 Wochen Schätzung 4 Wochen gemacht hat. Er sieht nur das Geld, was er (vermeintlich) gespart hat, aber nicht das Geld, das er verpulvert, indem er einen schlechten Entwickler beschäftigt.
Fassen wir uns alle mal an die Nase und fragen: Wie produktiv bin ich eigentlich?
Und dann frage man sich: Wie produktiv könnte ich sein? Wie produktiv kann “man” sein? Wie stelle ich eigentlich fest, ob ich produktiver geworden bin über die Jahre?
“Ein Entwickler hat das im Gefühl” könnte die Antwort darauf frei nach Loriot sein. Aber ist das wirklich genug für eine Branche, die so wirtschaftsentscheidend ist wie die Softwarebranche? Das bezweifle ich.
Es ist zutiefst unbefriedigend, dass die Produktivitätsunterschiede so groß sind. Dafür kann der Ausbildung nur die Note 5 gegeben werden.
Und es ist zutiefst beängstigend, dass das Kunden offensichtlich nicht wirklich bemerken. Denn das zeigt einen verantwortungslosen Umgang mit dem hart erarbeiteten Geld ihrer Mitarbeiter.
Also: Bei der nächsten Schätzung die man einholt, einfach mal fragen: Wie gut ist der eigentlich, der da schätzt? Könnte es sein, dass es auch in der halben oder gar einem Viertel der Zeit ginge?
Wer darauf reagiert mit, “Kann ich ja eh nicht ändern. Hab nur den Entwickler/das Team”, der hat dann leider nicht begriffen, dass man mit Ausbildung und Übung die Produktivität steigern kann.
PS: Natürlich lässt sich darüber nachdenken, warum der Zustand in der Branche so ist, wie er ist. Das Umfeld muss es ja hergeben, dass solche Produktivitätsunterschiede überhaupt über Jahrzehnte existieren können. Meine Vermutung:
- Laien glauben nicht, dass es so sein kann. Deshalb hinterfragen sie die Leistungen nicht. Und Entwickler selbst glauben das auch nicht – bis sie mal mit ihren Leistungen im Vergleich konfrontiert werden.
- Das Metier ist so “ehrfurchtgebietend” oder esoterisch, dass sich Laien nicht an solch kritische Fragen trauen.
- Laien sind so glücklich darüber, dass es am Ende irgendwie überhaupt läuft, dass sie sich mit solchen Fragen nicht beschäftigen.
- Die Branche selbst hat kein Interesse, ihre hohen Aufwände zu reduzieren. Wenn sich mit billigen schlechten Entwickler Geld verdienen lässt, warum dann in gute investieren.
- Die formale Ausbildung ist an solch weltlichen Details wie Produktivität nicht interessiert. Und die Selbstbildung kann sowieso eher nicht leisten, Produktivität systematisch zu steigern.
PPS: Und nun? Ich behaupte mal: Wer diese Erkenntnis ernst nimmt und sein Team nur um 25% beschleunigt (auch das ja nur relativ zu bisheriger Performance), der hat die Nase vorn im Wettbewerb. Und ich behaupte sogar: Dabei kann die Qualität der Arbeit nur steigen – wie auch die Motivation. Warum? Weil Menschen, die sich ernst genommen fühlen, lieber arbeiten und gute Arbeit abliefern. Ganz zu schweigen davon, dass höhere Produktivität nur mit Mittel erreichbar ist, die auch höhere Qualität bringen. Command/Control und Zuckerbrot/Peitsche gehören nicht zu diesen Mitteln.