Softwareentwicklung kann man nicht schätzen? Die Frage und meine verneinende Antwort haben einige Diskussion ausgelöst. Das verstehe ich gut. Nicht anders hatte ich es erwartet. Glaubenssätze, auch wenn sie wieder und wieder zu Schmerzen führen, werden ungern aufgegeben. Davon weiß die Psychotherapie ein Lied zu singen.
Und um einen Glaubenssatz handelt es sich, denn die ganze Branche ist seit 50 Jahren unfähig, Schätzungen mit einer Fehlermarge von vielleicht 5-10% verlässlich abzugeben. Oder selbst wenn das möglich wäre, ist sie zumindest unfähig, diese Kunst systematisch in der Ausbildung zu vermitteln. Oder habe ich etwas übersehen?
Hier will ich allerdings dieses Fass nicht nochmal aufmachen. Vielmehr geht es mir um eine Prämisse dieser und anderer Diskussion um Software. Ich glaube nämlich, dass so manche Diskussion in die falsche Richtung geht und so manche Argumentation zu falschen Schlüssen kommt, weil der Ausgangspunkt falsch ist.
Ich glaube, dass wir in vielerlei Hinsicht nicht weiterkommen, wenn wir uns nicht nochmal fragen, was denn “die Natur” von Software ist. Wie ist sie eigentlich so ganz fundamental?
Frust mit Maschinen
Das vorherrschende Bild scheint mir das einer Maschine. Software wird als Maschine angesehen, die man vor allem produzieren muss. Der Entwurf der Maschine ist für den Laien vor allem die Anforderungserhebung. Danach müssen diese Anforderungen nur noch produziert, d.h. in Code übersetzt werden. Eine Tätigkeit, die dem Bau eines Hauses oder der Fertigung eines Motors entspricht – so meint man weithin.
Deshalb wird auch immer wieder nach Schätzungen gefragt. Produktionsaufwände lassen sich nämlich sehr gut schätzen.
Und deshalb wird auch immer wieder sehnsüchtig nur eines erwartet: die Ablieferung der kompletten Software. Die herrschende Vorstellung ist, mit Software kann man erst etwas anfangen, wenn sie komplett realisiert ist. (Dem widersprechen auch nicht die üblichen, Monate oder gar Jahre auseinander liegenden Meilensteine in vielen Projekten.)
Und aus der Vorstellung einer Maschine oder eines Gebäudes resultiert ebenfalls, dass Software bottom-up zu produzieren ist: erst das Chassis/Fundament, dann das, was darauf aufsetzt usw. Das Schichtenmodell ist dafür eine weit verbreitete Blaupause. Immer wieder bekomme ich als Berater deshalb auch Anfragen, ob ich nicht vor Aufnahme der Entwicklung einer Anwendung mal einen Blick auf das Anwendungsframework werfen könne. Das zu realisieren war ja nötig, damit man die Anwendung überhaupt beginnen kann. Ein Framework ist damit dem Stahlrahmen eines Hochhauses gleichgesetzt. Ohne den kann man nicht anfangen, die Wände hochzuziehen.
Drei Probleme, dreimal eine Maschinenanalogie als Ursache:
- Problem 1 – Planabweichung: Schätzungen liegen immer wieder weit neben der Realität.
- Problem 2 – Zielabweichung: Der Kunde ist eigentlich nur mit dem Ganzen zufrieden und wird daher erst spät mit der Umsetzung seiner Anforderungen konfrontiert. Das führt zu großen Differenzen zwischen Wunsch und Realität.
- Problem 3 – Mangelnde Kommunikation: Budget wird in Frameworks und Infrastruktur verbrannt, die man für grundlegend und unverzichtbar hält, ohne dass der Kunde in der Zeit Nutzen erhält.
Weil die allgemeine Vorstellung ist, Software würde produziert, mache im Wesentlichen nur als Ganzes Sinn und müsse auch aus Schichten von Querschnitten aufgebaut werden, frustrieren wir immer wieder uns und unsere Kunden.
Das behaupte ich mal, denn ich glaube, mit einer anderen Vorstellung von Software, verschwinden diese Probleme. Software wird nicht gebaut. Oder wenn, dann ist das eine kurze Sache, die man einem Buildscript überträgt. Softwareproduktion ist quasi kostenlos. Aber Softwareentwicklung, d.h. die Planung dessen, was gebaut werden soll, die kostet kaum schätzbaren Aufwand.
Spaß mit Bildern
Wie könnte eine weniger frustrierende Vorstellung von Software aussehen? Ich glaube, mit einem einer 3D CGI-Grafik kommen wir weiter.
Die Umsetzung der Gesamtanforderungen können wir dann als komplett gerendertes 3D-Modell ansehen. Jedes Detail ist brilliant gerechnet.
Doch das ist erst ganz am Ende der Fall. Vorher existiert auch schon das Gesamtbild, aber in gröberer Form: Drahtmodell, Drahtmodell mit wenigen Flächen, grob gerendertes Modell mit Flächen, feiner gerendertes Modell usw.
Der Trick bei Software ist, dass sie nicht wie eine Maschine bottom-up entwickelt werden muss. Wir können sie langsam scharf werden lassen, wie können sie immer feiner rendern, wie können ihr immer mehr Details hinzufügen. Aber vom ersten Moment an kann sie als Ganzes, d.h. als benutzbares Werkzeug existieren.
Software ist insofern eher fraktal. Dazu ein Zitat über den hier abgebildeten Farn:
After a few dozen repetitions or ITERATIONS the shape we would recognize as a Perfect Fern appears from the abstract world […]. How and Why can this be?
Ja, wie kann das sein? Es liegt daran, dass Software eben soft ist. Sie unterliegt nicht der Physik. Für das Feature “Ruhe Schlafstätte” muss ein Haus ein Schlafzimmer haben, dafür muss es ein Dach und Wände haben, dafür muss es ein Fundament haben. Wände können einfach nicht schweben ;-)
Bei Software ist das anders. Für die Funktionalität “Zahlungseingänge buchen” muss die Fakturasoftware kein komplettes Data Access Layer haben und kein vollständiges UI und keine umfassende Security und schon gar kein lückenloses Datenmodell – in Bezug auf den Gesamtzweck.
Software kann Feature-by-Feature schrittweise ausgeprägt werden in Längsschnitten. Und sie kann bei jedem Schritt überall eine Kleinigkeit hinzufügen. Etwas mehr UI-Detail, etwas mehr Funktionalität bei Data Access, ein wenig mehr Leistung in der Validation usw. usf.
Minimale Funktionalität im Backend kann sozusagen schon ein riesiges Frontend tragen, weil es keine physikalischen Gesetze gibt. Unvollständiges kann Vollständigem dienen. Lückenhaftes kann jederzeit nachträglich verspachtelt werden. Grobes kann jederzeit verfeinert werden.
Software können wir schrittweise wie den obigen Farn vollständiger, lebensechter, anforderungsnäher “rechnen”. Im ersten dünnen Längsschnitt – Feature Slice – ist ihre grundsätzliche Form schon zu erkennen.
Mit dem kann der Kunde dann noch nicht soviel anfangen. Zugegeben. Doch er bekommt schon einen Eindruck. Und wir als Entwickler auch. Das ist wie mit dem modernen Film. Da verlässt sich ein Regisseur wie Stephen Spielberg auf die pre-visualization:
Damit meine ich jetzt aber keinen Prototypen, sondern eben einen lauffähigen Längsschnitt, eine Teilfunktionalität. Sie stellt die Anwendung “durch alle Schichten” schon dar – nur eben noch unvollständig.
Bei einem Auto oder einem Mixer oder einem Drucker wäre das nicht zu machen. Wie auch?
Oder anders: Bei Maschinen findet diese schrittweise “Verschärfung” über Modelle statt. Die Sukzession der Modelle bietet von Anfang an Funktionalität – aber nicht all das, was ein Kunde von heute erwartet. Ein Ford Model-T konnte Personen motorgetrieben befördern, hatte aber keine Sicherheitsgurte und schon gar kein ABS.
Über die Zeit “verschärfen” sich Maschinen also auch. Ein Modell einer Maschine jedoch muss eben in ganz-oder-gar-nicht Manier entwickelt und gebaut werden. Das ist bei Software anders. Das macht Software fundamental anders als Maschinen.
Bilder mit Konsequenzen
Die “Bildhaftigkeit” von Software hat nun Konsequenzen, die wir nicht ignorieren sollten. Sie helfen die obigen Probleme lösen:
- Konsequenz 1 – “Planlosigkeit”: Software wird eben nicht produziert, sondern entwickelt. Damit ist sie der Möglichkeit der maschinenbaulichen Dreifaltigkeit Fixpreis-Fixscope-Fixzeit beraubt. Entwicklung ist inhaltlich nicht zeitlich planbar so wie Produktion. So ist das mit kreativen Prozessen. Wer Software in Auftrag gibt, muss das verstehen, um nicht unglücklich daran zu werden.
- Konsequenz 2 – Verschärfung: Software bietet nicht erst Nutzen, wenn sie 100% geliefert ist. Im Gegenteil! Wer sie erst sieht, wenn sie “voll gerendert” ist, der erlebt sehr wahrscheinlich sein blaues Wunder. Software muss wegen ihrer Kompliziertheit und Komplexität schrittweise verschärft werden – und sie kann es. Das ist das Schöne. Warum sollte man sie dann auf etwas Maschinenhaftes reduzieren? Nehmen wir doch Software endlich ernst und entwickeln sie in dünnen Längsschnitten. Agile Vorgehensmodelle haben das auch schon vorgeschlagen – aber aus meiner Sicht nehmen sie das noch nicht ernst genug. Und die Objektorientierung steht und da im Weg. Sie kommt aus dem Maschinenbauzeitalter. Für “development as rendering” ist OOP nicht wirklich geeignet. Andere Ansätze müssen her. EBC scheint mir da ein Weg zu mehr Kongruenz der Modellierung mit der Natur der Software.
- Konsequenz 3 – Längsschnitte: Man höre endlich auf, in Schichten zu denken und zu entwickeln. Das ist nicht nötig; Software braucht kein Fundament oder Rahmenwerk. Das Geld des Kunden sollte nicht auf Wochen oder Monate versenkt werden in Programmierung, die ihm nichts bringt. Nutzen muss vom ersten Tag an her. Längsschnitte statt Querschnitte tun not. Aber dafür braucht es eine andere Entwicklungskultur. Denken und Teamorganisation müssen sich ändern, um Längsschnitte zu sehen und hochperformant zu realisieren.
In Summe glaube ich, dass wir noch gar nicht abschätzen können, wie anders und besser Softwareentwicklung sein kann, wenn wir endlich das überkommene Denken über Software aufgeben. Maschinen als Bild und von-Neumann-Denke waren lange erfolgreich – werden aber zunehmend ein Klotz am Entwicklerbein. Sie stehen uns im Wege dabei, dem Kunden schnell Nutzen zu liefern für sein Geld. Und sie stehen uns im Wege bei der Ausreizung moderner Prozessoren.
Verabschieden wir uns davon. Schreiben wir endlich schärfer und schärfer werdende Software. Jeden Tag.