Erst ein Feiertag, jetzt ein Sonntag und die Diskussion um “Null oder nicht Null” geht weiter. Als hätten diese Softwareentwickler nichts anderes zu tun… ;-) Ilker hat versucht, einen ausbalancierenden Schlussstrich unter die Diskussion zu ziehen, um uns wenigstens ein Rest schönes Wetter genießen lassen zu können. Doch mich wurm da noch etwas. Und weil der Stein, an dem ich mich da anstoße, bei ihm so ausdrücklich in seinem Blogartikel zu lesen ist, greife ich auch am Sonntag Morgen nochmal in die Tasten:
Woran ich mich in dieser Diskussion – die allerdings nur stellvertretend für viele andere ist – störe, das sind Aussagen wie
“Es kommt auf den Anwendungsfall an. Die beliebte ‘It-Depends’-Weisheit streckt das Thema mit geballter Kraft nieder.”
und
“So oder so – beides ist machbar und beides hat seine Berechtigung.”
Ich kann das einfach nicht mehr hören. (Sorry, Ilker, ist nix Persönliches. Diese Formulierungen sind vielmehr ein Anti-Pattern unserer Branche.) Kommt irgendeiner mit ‘ner Frage, was er tun soll – diese oder jene Technologie oder dieses oder jenes Sprachfeature oder diesen oder jenen Lösungs weg? –, dann antwortet die Branche unisono: “It depends!”, “ Kommt darauf an… “, “Im Prinzip ist alles möglich.”
Was soll denn das? Ja, ja, ich mache so einen Spruch auch mal. Am Ende sind diese Aussagen aber doch ein Armutszeugnis. Vor allem aber: Sie helfen nicht. Niemandem. Vor allem nicht dem, der gefragt hat.
“Es kommt darauf an…” ist eine triviale Antwort. Sie ist trivial und nutzlos, weil sie quasi immer wahr ist. Es kommt immer im Leben darauf an. Auf irgendwas. Wo Wahlmöglichkeiten bestehen, da kommt es immer auf den einen oder anderen Faktor an, ob die eine oder andere Möglichkeit gewählt werden sollte. Diese Faktoren mögen subjektiv sein, also rein persönlich, oder objektiv, d.h. irgendwie aus der Problenstellung bzw. der angestrebten Lösung abgeleitet.
Also: Leute, ihr habt/wir haben immer Recht, wenn wir sagen “Es kommt darauf an…”. Super. Lasst uns darauf einen trinken. Und dann lasst uns endlich damit aufhören. Wer “Es kommt darauf an…” sagt (oder etwas Sinngleiches), der zahlt in Zukunft 5 EUR in das Phrasenschwein. Wie wäre das? Wir kommen einfach nicht voran mit solchen Sprüchen. Sie dienen nie-man-dem. Wir bringen weder den einzelnen Frager noch “unsere Kunst” damit voran.
Ok, so ein Spruch geht also nicht mehr. Was aber dann? Wir sollten, wann immer wie reflexartig “Es kommt darauf an…” sagen wollen, innehalten. Mund zu, Denkmaschine anwerfen… Das halte ich für den ersten Schritt. Nachdenken, ob denn aus einer Problembeschreibung sich nicht doch irgendwie ein Hinweis auf eine vorzuziehende Lösungsmöglichkeit ergibt.
Ja, Nachdenken verbraucht auch Kalorien, aber wir sollten uns diesen Sport gönnen. Der bringt uns selbst und “unsere Kunst” nämlich voran. Die Ergebnisse sind nämlich immer positiv: Schärfung der Wahrnehmung, Reflexion des eigenen Tuns, Ausarbeitung von Regeln.
Eine Regel hat sich ja auch in dieser Diskussion um das Null-Problemo herauskristallisiert:
Null-Regel #1: Man darf Null benutzen und auch als Wert zurückgeben – aber Vorsicht! Erst prüfen, ob es nicht auch anders geht.
Das ist doch schon mal ne schöne Sache, oder? Darin sind wir uns einig. Prost!
Nur verstehe ich nicht, warum Ilker dann schreibt
“Für mich gibt es beim Umgang und bei der Anwendung von Null keine Faustregel.”
Denn diese Regel ist doch eine Faustregel. Sie lautet: Setze Null eher nicht ein. Punkt. Warum sollten wir das runter spielen.
Mein Gefühl ist, dass “die Branche” da an einem kollektiven mangelnden Selbstvertrauen leidet. “Man” traut sich nicht, einen Pflock in den Boden zu hauen. Denn wer Pflöcke in den Boden haut und die dann auch noch mit Latten zu einem Areal verbindet, der läuft Gefahr, dass andere einen Streit von diesem Zaun brechen. Und das will “man” doch nicht. Ne, Streit ist doof.
“Wer Regeln formuliert oder verbreitet, wird mit Stirnrunzeln oder gar flame comments bestraft.” – so lautet das unausgesprochene Gesetz.
Regeln stören den Seelenfrieden dessen, dem sie “aufgedrückt” werden. Oder sie stören womöglich sogar den Seelenfrieden dessen, der sie aufstellt. Denn wer Regeln formuliert, der muss sich ja auch daran halten. Will “man” das aber? Wer weiß, vielleicht findet “man” es morgen bequemer, es anders zu tun – und dann wäre die Regel hinfällig. Aaargh… Also besser mal keine Regel aufstellen. Und schon gar nicht anderen die Befolgung einer Regel nahelegen. Denn was auch, wenn die damit nicht zum Erfolg kommen? Dann sind sie sauer auf “einen”.
Das sind natürlich sehr verständliche Regungen. Aber: Leute, Leute, so kommen wir nicht voran. Niemand behauptet, dass “alles” reglementiert werden sollte oder gar könnte. Angst, in der “künstlerischen Programmiererfreiheit” eingeschränkt zu werden, ist völlig (!) unbegründet. Maler, Bildhauer, Schauspieler, Musiker… alle sind vielmehr erst Künstler durch die Regeln ihres Metiers. Ohne Regeln keine Kunst. Denn Kunst ist sozusagen “mit und in den Regeln schaffen und spielen”. Ohne Regeln ist alles keine Kunst. Wir schätzen einen Meister seines Metiers dafür, dass er “gar künstlich” (d.h. soviel wir “nach den Regeln der Kunst” oder “virtuos”) etwas (er)schafft.
Wer am leeren Tisch sitzt und hört, “Schaffe mal ein Kunstwerk”, der hat es schwer, nicht leicht. Sitzt er aber vor einer Staffelei mit Ölfarbenpallette und Pinsel in der Hand und bekommt den Auftrag “Schaffe ein impressionistisches Landschaftsbild”, der kann loslegen. Öl, Pinsel, Leinwand, Stilrichtung, Motiv: das sind Begrenzungen mit impliziten Regeln, die erst die Möglichkeit bieten, Künstler zu sein.
(Ja, ja, es gibt immer mal wieder auch Künstler, die dadurch groß werden, dass sie (scheinbar) regellos oder gegen die Regeln arbeiten. Aber Achtung: Erstens können sie sich nur profilieren im Kontrast zu etablierten Regeln der Kunst, zweitens schaffen diese Künstler durch ihr Tun (bewusst oder unbewusst) wieder neue Regeln, und drittens sind solche Regelwerk sprengenden bzw. ausweitenden Künstler die Ausnahme. Wer mein, ohne Regeln auszukommen, läuft also Gefahr, sich zu überschätzen.)
Bottom line: Ohne Regeln geht es nicht. Und jeder, der in einer Situation sitzt, wo er nicht recht weiter weiß, der sehnt sich nach einer Regel, die ihn leitet. Warum also diese branchenweite Ambivalenz? Einerseits Regeln suchen für die eigene Anwendung, andererseits aber keine Regeln formulieren wollen, wenn “man” gefragt wird.
Ohne Regeln ist das Verhalten ein Rumgeeiere wie hier von Ilker trefflich beschrieben:
“Ich gebe in einigen Methoden NULL zurück. Meistens genau dann, wenn ich wirklich damit ausdrücken möchte, dass etwas katastrophales passiert ist. Ich finde es sehr schwerwiegend, NULL als Zuweisung oder Rückgabe stehen zu lassen – aber ich mache es manchmal ganz bewusst.”
Ja, was denn nun? Keine Faustregel, aber “manchmal ganz bewusst”? Wie geht das? Bewusstsein erfordert (!) einen Raum, in dem es sich eben bewusst verortet durch Entscheidungen. Und die Wände dieses Raumes bestehen (zumindest zum Teil) aus… Regeln. Die mögen sehr speziell sein, aber immer noch sind es Regeln, die man dann auch äußern kann, um sie zur Diskussion zu stellen.
Thomas hatte das in seinem ursprünglichen Blogartikel getan:
“Außerdem erwarte ich von jeder Methode null als Rückgabewert für den Fall, dass keine Daten in der Datenbank gefunden wurden.”
Jede Methode (seines Repositories) liefert bei Erfolg ein Objekt und bei Misserfolg Null. So war seine Regeln. Ob die gut oder schlecht ist, sei mal dahin gestellt. Das wurde ja auch ausführlich diskutiert. Zumindest war das eine Regel basierend auf einer bewussten Entscheidung. Die hat er geäußert. Nur so konnte darüber ein Diskurs beginnen. Wunderbar.
Ilker hingegen sagt, er sei bewusst – eine Regel (außer der obigen Null-Regeln #1) mag er aber eben nicht benennen. Das finde ich sehr, sehr schade. Denn so – ich wiederhole mich – kommen wir eben nicht voran.
Oder? Hoppla, jetzt hab ich mich doch durch Ilkers Statement, er hätte keine (Faust)Regel verwirren lassen. Natürlich hat er welche. Die Regel #1 und auch noch seine persönliche Regel:
Null-Regel #2 (von Ilker; noch zu diskutieren): In Katastophenfällen darf Null zurükgegeben werden.
Das ist doch mal eine Aussage. Darüber kann man diskutieren. Aber nicht hier.
@Ilker: Vielleicht magst du ja in einem weiteren Blogartikel ausführen, was Katastrophenfälle sind und warum dann Null als Rückgabewert erlaubt ist und wie zwischen Null und Exceptions als Mittel zur Anzeige von Katastophenfällen entschieden werden sollte. Darüber würde ich gern mehr hören.
Ilker hat also Regeln (mindestens zwei), zieht sich aber darauf zurück, dass “die beliebte ‘It-Depends’ Weisheit” im Falle Thomas “alles niederstreckt”. Warum? Warum keine klare Aussage, keine Empfehlung mit Verweis auf eine seiner Regeln? Weiß Ilker nicht mehr weiter? Das glaube ich nicht.
Ich möchte ihm stellvertretend für uns alle zurufen: Nicht verzagen! Mach doch eine klare Aussage. Habe eine Präferenz. Zeige Kontur. Mach dich sichtbar – ja, und auch angreifbar. Haue einen Pflock in den Boden.
Denn niemand wird dich oder irgendwen für soetwas verhaften. Entweder ist die Empfehlung für den konkreten oder auch allgemeinen Fall richtig/praktikabel – oder es stellt sich im Diskurs heraus, dass sie es nicht ist. Dadurch können doch dann aber alle nur gewinnen. Und niemand steht deshalb schlechter da. Auch nicht der, der die Regeln/Empfehlung ausgesprochen hat.
Niemand muss ja auch seine Regel/Empfehlung kampflos ausgeben. Nur weil ein anderer damit nicht übereinstimmt, heißt das nicht, das man falsch liegt. Solange wir einen Diskurs führen, also sachlich bleiben, solange kommen wir voran – und können am Ende auch mal unterschiedliche Meinungen behalten. In der Malerei gibt es Schulen, in der Programmierung kann es die auch geben. Da könnte es z.B. die “Null geht gar nicht, nie, nimmer!”-Schule geben oder die “Null ist überhaupt kein Problem”-Schule oder die “Null mit Vorsicht”-Schule oder die “Null nur mit Vorsicht und mit folgenden Regeln”-Schule.
Ich gehöre – soviel kann ich sagen – zur letzteren. Deshalb hier mein Pflock im Boden:
Null-Regel #3 (Ralfs Vorschlag): Null darf nur Rückgabewert sein, wenn Null zur selben Kategorie gehört wie ein Nicht-Null Rückgabewert.
Darüber können wir gern diskutieren. Einen Anfang habe ich hier gemacht. Also: Klare Aussage von mir, kein Rumgeeiere. Und jetzt die Argumente dagegen. Aus der Community. (Zur Regel #2 sage ich etwas, wenn Ilker sie begründet. Hier nur soviel vorab: Ich bin dagegen ;-)
Und jetzt noch ein letzter Schwenk zurück zum Allgemeinen. Wir brauchen also Regeln. Wir sollten uns der Reflexäußerung “Es kommt darauf an…” enthalten. (Auch das ist übrigens eine Regel ;-) Noch ein Pflock von mir im Boden.) Besser, wir schalten in solchen Situationen erstmal die Denkmaschine an. Analyse hilft.
Ebenfalls hilfreich ist allerdings auch: Fragen und Zuhören! Denn so mancher, der sagt “It depends”, leidet womöglich nicht unter mangelndem Selbstvertrauen oder Denkfaulheit, sondern schlicht unter Unwissen. Er weiß nicht genug, um eine Entscheidung zwischen den Alternativen klar treffen zu können.
Dem kann dann durch Nachfragen und genaues Hinhören abgeholfen werden. Wenn man sich denn als Befragter überhaupt interessiert. Womit wir bei einem weiteren Grund für “Es kommt darauf an…”-Antworten sind: Desinteresse. “Was interessiert mich das Problem des anderen? Ich hab schon selber genug Probleme. Wenn mir doch mal einer helfen würde…” usw.
Hieraus ergibt sich auch eine Empfehlung für Hilfesuchende: Wer fragt und “It depends” als Antwort bekommt, der sollte nicht zufrieden sein. “It depends” ist trivial und beliebig. Wer fragt, sollte die Antwort als Aufforderung verstehen, mehr über das Problem zu erzählen oder überhaupt mal festzustellen, ob der Befragte überhaupt ein Interesse an einer Antwort hat. (Von einer Kompetenz zur Antwort sehe ich hier mal ab. Jeder ist kompetent zumindest insofern, als dass er dem Fragenden ein Spiegel sein kann. Auch das hilft oft.)
Fazit: Es hilft also nichts, dass wir die Hände in die Luft werfen und sagen “Es kommt darauf an…” Diese Phrase können wir uns in Diskussionen sparen. Sie macht nur Sinn als Replik auf eine ebenso sinnlose allgemeine Frage. Beispielfrage: “Sollte man die Daten mit einem RDBMS oder einem ODBMS speichern?”, Antwort: “Es kommt darauf an…”
In solche einem Fall mag die allgemeine Frage allgemein mit einer Phrase beantwortet werden, um dadurch aufzuzeigen, dass schon die Frage schlecht formuliert war. In dem Fall ist “Es kommt darauf an…” aber sozusagen ein Stilmittel – dass sofort als solches aufgedeckt werden sollte: “Es kommt darauf an… Das sage ich, weil Ihre Frage zu allgemein ist. Erklären Sie mir bitte genauer, worum es geht.”
“Es kommt darauf an…” ist quasi immer richtig und hilft deshalb nicht. Wir müssen weg von dieser Phrase hin zu mehr Nachdenken und mehr Zuhören. Und daraus müssen sich mehr konkrete Regeln ergeben, die auf konkrete Fälle angewandt werden können. Ob das wenige oder viele, einfache oder komplizierte Regeln sind, ist erstmal egal. Wir brauchen sie als Fundament für “unsere Kunst”.
Niemand behauptet auch, dass die so bewusst erarbeiteten Regeln starr sein sollten. Im Gegenteil. Sie sollen lebendig bleiben im Rahmen eines Diskurses. Zwischendurch mal Ruhe ist auch gut. Einfach mal die Regeln lernen und anwenden, bevor man sie hinterfragt. Aber dann auch gern immer wieder Infragestellung. Die Zeiten ändern sich, also dürfen sich auch die Regeln ändern. Manche langsamer, manche schneller.
Unzweifelhaft ist jedoch, dass wir sie brauchen. Ich glaube sogar, dass wir als Branche unterspezifiziert sind mit Regeln. Deshalb habe ich auch www.clean-code-developer.de (CCD) mit gegründet. Und der Erfolg der Initiative gibt meiner Vermutung recht, würde ich sagen. Denn CCD ist eine Sammlung von Regeln und darauf stehen offensichtlich mehrere Tausend Entwickler, wenn ich mal die Mitgliedszahlen in den Foren und die vergebenen Armbänder zusammenrechne.
So, nach diesem Ausflug ins Grundsätzliche gern wieder zurück zum Konkreten: Da es beim Null-Problemo genauso “darauf ankommt” wie sonst im Leben, stellt sich immer noch die Frage: Worauf kommt es denn an? Was sind die Regeln für die Null-Verwendung? Was sind damit die Eigenschaften eines Szenarios, die geklärt werden müssen, um zu entscheiden, welche Regel zum Einsatz kommt?