Wollte mich heute mal zur Entspannung mit einer Code Kata beschäftigen. Meine Wahl fiel auf die "Bowling Game Kata" von unser aller Onkel Bob. Das PPT dazu sieht hübsch strukturiert aus:
- Am Anfang werden die Regeln für die Punktezählung bei einem Bowling Game erklärt. Da besteht ein Spiel z.B. aus 10 Sätzen (Frame), innerhalb derer mehrere Würfe (Roll) gemacht werden dürfen, um zu einem Punktestand (Score) für den Satz zu kommen. Die Gesamtpunktezahl für ein Spiel ist dann die Summe der Punkte der Sätze.
- Dann wird eine Sollklasse als Anforderung formuliert. Die ist in der Kata per TDD zu implementieren. Ich formuliere sie mal als Interface für C#:
interface IGame
{
void Roll(int pins);
int Score { get; }
}
Mit den Regeln und der formalen Anforderung in der Tasche kann es dann losgehen.
Oder man linst mal auf die weiteren Folien der Katabeschreibung - immerhin sind es mehr als 50. Da erklärt Meister Bob nämlich sein Vorgehen. Aber, wer hätte das gedacht: Statt mit TDD loszulegen, macht Onkel Bob eine Design Session!
Was ist mit Bob? Da gibt es nicht nur eine Klasse Game, sondern auch eine Klasse Frame und Roll. Hört sich ja auch plausibel an, wenn man die Regeln liest. Darin tauchen diese Begriffe als Substantive auf. Aber warum müssen die denn in ein Design einfließen? Ist es ausgemacht, dass man sie für die Implementation wirklich braucht?
Oder besser: Ist es aus den Anforderungen ablesbar, dass diese Klassen gebraucht werden? Ich glaube, das kann man nicht. Denn ich habe meine Implementation der Anforderung “Implementiere eine Klasse Game wie folgt…” strickt mit TDD begonnen. Für so ein kleines Beispiel habe ich schlicht keine ausdrückliche Design Session für nötig gehalten. Und ich habe auch gedacht, genau das sei eben der Sinn solcher kleinen Katas: dass man eben vor allem den TDD-Prozess einübt mit seiner Schrittfolge red-green-refactor. Das Design soll iterativ und absolut bedarfsgetrieben evolvieren. Und dann sowas von Bob?!
Bei meinem TDD-Vorgehen konnte ich keine Notwendigkeit erkennen, Klassen jenseits von Game zu implementieren. Den Grund halte ich für ganz naheliegend: Die Anforderung (!) enthält aber auch gar keinen Bezug zu Sätzen und Würfen.
Die Regeln sagen zwar, dass man pro Satz nur soundsoviele Würfe machen darf und bestimmte Wurferfolge Zusatzwürfe (Bonus) gestatten. Doch die Punktezählung ist am Ende nur eine schlichte Addition aller Wurferfolge (Pins).
Darüber hinaus abstrahiert die Klasse Game von all diesen Details, indem auf ihr einfach immer nur wieder Roll() aufgerufen werden soll:
game.Roll(5);
game.Roll(3);
game.Roll(7);
game.Roll(9);
…
Console.WriteLine(game.Score);
Was, bitte, hat das noch mit Sätzen zu tun? Ob ein Wurf ein Bonuswurf ist, entscheidet nicht die Klasse Game. Das steht jedenfalls nicht in den Anforderungen. Auch ist nicht erwähnt, ob irgendwie die Einhaltung der Regeln geprüft werden soll. Oder warum die Einschränkung, Score nur am Ende aufzurufen? Es macht keinen Unterschied, wann man Score befragt, da die Gesamtpunktezahl immer nur eine Addition aller per Roll() gemeldeten Wurfergebnisse ist.
Was ist also mit Bob? Wie kommt es, dass er eine so merkwürdige Aufgabe stellt und sich letztlich nicht an die eigenen Prinzipien hält? Explizites Design statt TDD – was hat ihn bei der Aufgabengröße denn da geritten?
Oder habe ich da etwas übersehen, falsch verstanden? Ist mir in der Spieldefinition etwas entgangen? Ist mir der tiefere Sinn der Anforderung an die Klasse Game entgangen? Ich bitte um Aufklärung.
Empfehlung für Katas
Egal, ob ich etwas nicht richtig verstanden habe oder in der Aufgabenstellung der Wurm ist, ich denke, eine Lehre lässt sich in jedem Fall ziehen: keine Code Kata ohne Akzeptanztests!
Alles wäre leichter, wenn Bob der Kata eine Datei in einem einfachen Format beigegeben hätte, die Sollergebnisse enthält. Schon folgendes hätte gereicht:
7,2,5,4,…,103
3,4,10,7,…134
…
Wobei jede Zahl einen Wurf repräsentiert und die letzte den Score.
Wer also Code Katas sucht, der sollte darauf achten, dass ihr “Abnahmetests” beiliegen. Und wer Code Katas beschreiben will, dem sei empfohlen, ein bisschen Mühe auf die Definition von “Abnahmetests” zu verwenden. Sie steigern den Wert der Code Kata – oder machen sie erst überhaupt durchführbar.