Mehr Ausbildung zum Softwareentwickler in den Betrieben, das scheint mir ein wichtiger und gangbarer Weg für die Zukunft der Branche, die vom IT-Fachkräftemangel gebeutelt ist. So habe ich es in der dotnetpro 8/2009 in meiner Sandbox-Kolumne geschrieben. Daraufhin schreibt mir nun ein junger Fachinformatiker, wie sehr ich (für ihn) mit diesem Artikel und anderen zum Thema Ausbildung den Finger in die Wunde gelegt habe:
Hallo Herr Westphal,
mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel "Entwickler selbst backen"
in der aktuelle dotnetpro gelesen.
Ich hoffe sehr das sich einige Firmen den Artikel zu Herzen nehmen und
auch den nicht Vollprofis eine Chance geben.
Ich selbst bin gelernter Fachinformatiker Fachrichtung
Anwendungsentwicklung und habe meine Ausbildung im Februar
[des Jahres 2009] abgeschlossen. Die defizite der Ausbildung sind mir also bestens
bekannt, zum einen wurde bei uns in der Berufsschule
keinerlei Vorgehensweiße unterrichtet, weder Analyse noch Design
geschweigedenn irgendwelche Modelierungen mit UML.
Meine zweieinhalb Jahre Ausbildung habe ich in der Schule mit
Struktogrammen und dem Borland Builder 6 mit C++ verbracht, wo wir
es nach zwei Jahren tatsächlich geschafft haben eigene Klassen und
Methoden zu erstellen (Fehlerbehandlung, Debugging usw. waren alles
Fremdwörter).
Die Berufsschule hate nicht die Fachkräfte die nötig wären und auch
garnicht die Zeit, der überwiegende Teil wird in Systemintegration
ausgebildet und hat keinerlei Interesse an der Programmierung allgemein,
somit sind die Themen auch nicht gut zu vermitteln.
Somit bleibt noch der Betrieb, ich hatte das Pech das ich einem Betrieb
gelandet bin der nur eine EDV Abteilung besitzt und keine
Dienstleistungen in dem Bereich erbringt. Schulungen oder Einweisungen in richtige
Vorgehensweißen oder z.B. die Verwendung von Visual Studio gab es hier
nicht.
Wer sich nicht selbst weitergebildet hat blieb auf einem sehr niedrigen
Level. Ich bin sehr interessiert daran es richtig zu lernen, ich
arbeite sehr gerne mit ASP.NET und mit dem CompactFramework und möchte
ein möglichst hohes Level erreichen, leider scheitere ich an den Firmen
die scheinbar durchweg kein Interesse haben Ihre Mitarbeiter zu guten
Entwicklern auszubilden, und in Eigenarbeit mangelt es mir an Zeit und
manchmal auch an der Motivation (Die Firma dankt es mir eh nicht).
Deshalb habe ich auch kurz nach meinem Ausbildungsende die Firma
gewechselt, ich habe eine Firma gesucht die mir auch Weiterbildungen
anbietet, die verspricht das dass ausprobieren von neuen Technologien
Pflicht ist. Ich bin für diese Firma 200km umgezogen, und nehme weniger
Gehalt in Kauf. Leider musste ich feststellen das es hier keine
Weiterbildung gibt bzw. ich kann mir einmal im Monat mal eine Stunde zu
einem Thema, welches ich im übrigen in meiner täglichen Arbeit garnicht
einsetzen kann/darf, was anhören. Weitere Themen stehen dann wieder nur
Senior Software Developern zur Verfügung, welcher ich hier in dieser
Firma erst nach 5 Jahren sein werde. Das ausprobieren der neuen
Technologien findet hier garnicht statt, das Projekt läuft immernoch
auf dem 2.0 Framework und wie was umgesetzt wird, wird vorgegeben. Ich
habe mich im großen und ganzen selbst von Anwendungsentwickler zum
einfachen Programmierer heruntergestuft der den ganzen Tag irgendwelche
Support anfragen bearbeitet. Nun bin ich wieder auf der Suche nach
einer Firma die eventuell Interesse daran hat
sich selbst einen guten Mitarbeiter auszubilden. Ich bin nicht dumm und
eigentlich hochmotiviert ein "guter" .NET Entwickler zu werden, leider
muss ich wohl erst zwei bis fünf Jahre "Berufserfahrung" (meines
Erachtens ist das keine Berufserfahrung wenn ich Tag ein Tag aus
dasselbe mache ohne mich dabei weiterzubilden) sammlen bevor ich eine
Firma finde dem gerecht wird was ich suche.
Ich möchte Ihnen auf diesem Weg für diesen Artikel danken! Und ich hoffe
sehr das es auch in meiner Region Firmen gibt die diesen lesen und ihn
sich zu Herzen nehmen und vieleicht finde ich dann doch eine Firma bei
der mir meine Arbeit, die eigentlich auch mein Hobby ist, mir wieder
Spass macht. Ich hoffe das Konzept School of .NET wird in die Tat
umgesetzt, ich wäre sofort dabei das zu unterstützen!
[…]
Er würde so gern gebacken werden, aber niemand schiebt ihn wirklich in den Ofen. Die Firmen, bei denen die junge und zumindest motivierte Entwickler arbeitet, sehen ihn als fertig an, nur weil er eine Fachinformatiker-Ausbildung durchlaufen hat. Die aber ist, wie sich bei allem Verständnis für den Willen zu einer “plattformneutralen Ausbildung” zeigt, von nur zweifelhaftem Nutzen. State-of-the-art wird dort nicht vermittelt – was eher weniger an der Ausbildungssprache Borland C++ liegt.
Wie kann es sein, dass die Betriebe das nicht merken? 1. Es findet keine Qualitätskontrolle des in der Ausbildung Vermittelten bei seinem Lehrherren und auch später nicht statt. 2. Allemal als Auszubildender ist er wahrscheinlich so billig gewesen, dass niemand aufgefallen ist, dass er mit dem Ausbildungswissen nichts anstellen konnte. Seine Unproduktivität fiel nicht ins Gewicht. Denn unproduktiv muss er gewesen sein bei dem, was auf dem Lehrplan gestanden hat. Wieviel mehr hätte er schaffen können, wenn die Ausbildung zum einen der Plattform seines Lehrbetriebs entsprochen hätte und zweitens auf der höhe der Zeit stattgefunden hätte? Er hätte seinem Lehrbetrieb geradezu neue Impulse geben können. Nicht auszudenken wäre es doch, wenn ein Auszubildender aus dem Blockunterricht käme und z.B. sagte: “Wow, wir können viel korrekter arbeiten, wenn wir Unit Tests einsetzen.”
Stattdessen setzt man den motivierten Entwickler in eine Ecke und lässt ihn mokeln. Ich spekuliere mal, denn geschrieben hat er davon nichts: Seine Arbeit wurde nicht mit ihm nach Abgabe durchgesprochen. Nicht nur hat man ihm keine weitere Ausbildung/Fortbildung in den Betrieben zugestanden, auch fand sicherlich keine “Förderung im Kleinen” durch Kollegen statt. Es würde ja helfen, wenn sich jemand mit einem Junior-Programme in der Woche 2-3 Mal für ein Stündchen zusammensetzte, um seinen Code echt durchzugehen. Oder mal mit ihm Pair Programming machen. Davon jedoch keine Spur.
Betriebe nehmen klaglos, fraglos einfach an, was da aus der Ausbildung kommt. Und sie haben keinen eigenen Anspruch, wie es dann weitergeht. Außer einem Anspruch: irgendwie muss die Arbeit geschafft werden.
Was sie nicht sehen: vor 150 Jahren wurde die Arbeit auf den Feldern auch geschafft. Dafür war ein Heer von Landarbeitern zuständig. Doch heute schaffen wir es mit einem kleinen Bruchteil an Menschen, eine viel größere Zahl zu ernähren. Die Produktivität in der Landwirtschaft ist explodiert.
Dass das auch in der Softwareentwicklung mit etwas besserer Ausbildung, etwas besserer Kommunikation, etwas mehr Blick auf innere Qualität (Clean Code Developer lässt grüßen) und etwas besseren Prozessen auch der Fall sein könnte… das sehen viele nicht. Und das bedeutet, sie krebsen so dahin. Und das bedeutet, es wird für sie nicht besser, sondern eigentlich immer nur schlimmer. Darüber geht dann die Motivation der Leute verloren.
Der junge Entwickler hat zum Glück die Konsequenz gezogen und versucht, in eine bessere Firma zu kommen. Leider ist er nur vom Regen in die Traufe geraten. Doch er lässt nicht locker. Er will wieder einen Sprung wagen. Er glaubt noch, dass es Firmen mit mehr Interesse an ihren Entwicklern gibt. Ja, die gibt es. Ich wünsche ihm viel Erfolg bei der Suche!
Und den anderen Firmen wünsche ich einen Moment der Ruhe, des Abstands, um darüber nachzudenken, wie sie intern die Ausbildungs- und Arbeitssituation verbessern könnten. Es gilt ungehobene Produktivitätsschätze zu heben. Von höherer Motivation und Zufriedenheit mal ganz zu schweigen. Also, auf zum Entwicklerbacken!