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Freitag, 29. Juni 2012

Flexibilisieren wider die Angst

Jedes Jahr im Juni habe ich Angst. Dann droht nämlich der Besuch des Heizungsablesers. Kalorimeta kündigt sich durch Aushang im Hausflur an – und ich verfalle in Furcht und Zittern.

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Nein, ich zittere nicht, weil ich eine Heizkostennachzahlung fürchte. Und ich habe auch keine Angst davor, dass Manipulationen an den Heizkostenverteilern auffliegen würden. Alles ist in Ordnung damit.

Grund für meine Angst ist mein Schreibtisch:

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Der steht nämlich vor der Heizung. Und an der Heizung ist der abzulesende Heizkostenverteiler angebracht. Der muss dem Ableser zugänglich gemacht werden. Der will ja nicht unter meinen Schreibtisch krabbeln. Wenn er das in jeder Wohnung machen würde… dann wäre ja sein Rücken bald hinüber. Es als kleines Sportprogramm zu verstehen, sozusagen kostenloses Arbeitsyoga… nein, dem Gedanken war er in den bisherigen Jahren nicht aufgeschlossen gegenüber. Er hat schaut auch immer so grimmig, der Ableser. Gut gelaunt habe ich ihn noch nie gesehen. Kein Wunder, er arbeitet im Akkord. Immer ist er in Hetze. Manchmal ist er mir ein Rätsel, wie er das immer noch aushält. Alle Jahre ist es derselbe Techniker; Anfang 60 ist er bestimmt. Und immer Schweiß auf der Stirn.

Und so droht jedes Jahr, dass ich für den guten Mann meinen Schreibtisch abrücken muss von der Heizung. Davor habe ich Angst. Denn der Schreibtisch ist – wie soll ich sagen? – nicht sehr mobil. Die Beine fallen leicht ab, es ist einiger Kleinkram drauf, drumherum laufen Kabel, die es zu entwirren gälte, dann das Sofa abziehen, den Drucker wegräumen… Es wäre ein großer Aufwand für die 15 Sekunden Ablesezeit. Diesen Aufwand möchte ich nicht treiben. Also habe ich Angst davor, dass mich der Ableser zwingt…

Bisher jedoch – oh, Wunder! – ist dieser Kelch an mir vorüber gegangen. Irgendwie habe ich es in den vergangenen Jahren geschafft, diesen grimmigen Gehetzten zu bewegen, unter meinen Tisch zu krabbeln. Hinterher stand mir dann auch der Schweiß auf der Stirn. Puh… Das war knapp. Wieder ein Jahr Ruhe mit dem Schreibtisch. Ich musste seine Fragilität nicht anrühren.
Jedes Jahr hat es geklappt. Vielleicht hätte es auch dieses Jahr geklappt. Doch diesmal waren die Umstände anders. Ohne ins Detail gehen zu wollen sah ich mich in diesem Jahr gezwungen, den Schreibtisch abzurücken. Schnell noch bevor ich aus dem Haus musste. Ein Stellvertreter für den Einlass des Ablesers war organisiert.

Und da ist es dann passiert. Der Schreibtisch brach zusammen. Alle Vorsicht hatte nichts genützt. Meine Angst über die Jahre war absolut begründet gewesen. Was so lange still gestanden hatte, war in 3 Sekunden am Boden. So – ein – Mist! Mist, Mist, Mist! Argghhh…

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Um nun aber doch etwas Positives aus dem Malheur zu ziehen, habe ich darüber reflektiert. Dieser Blogartikel ist das Ergebnis. Denn es gibt etwas (für mich) zu lernen.

Neulich hatte ich ja schon über die Angst geschrieben, in der Entwickler oft leben. Sie haben Angst vor neuen Anforderungen oder dem Releasetermin. Unüberschaubar, was dadurch an Aufwand entstehen könnte… Der Code ist fragil, die Schritte zum Herstellen einer auslieferbaren Version undurchsichtig. “Ohje, hoffentlich will keiner etwas von uns…” So herrscht Furcht und Zittern in den Entwicklungsteams, immer wieder, mal mehr, mal weniger.
Und nun habe ich am eigenen Leib gemerkt, wie das ist. Und wie es dazu kommt. Ich habe bei der Einrichtung meiner Wohnung schlicht die Anforderung nicht bedacht, dass der Heizkostenverteiler einmal im Jahr zugänglich gemacht werden muss. Und da das ein lästiger Anlass ist, will ich dafür keinen großen Aufwand treiben müssen. Also sollte es möglichst einfach sein, den Zugang zu gewähren.

De facto habe ich das Mobiliar nun aber so verteilt, dass das nicht möglich ist. Ich habe es mir selbst schwer gemacht. Also muss ich Angst leiden. Jedes Jahr wieder. Immer bin ich überrascht, wenn die Ankündigung im Hausflur hängt. “Jo, is dän scho Ablestag?” Jahr für Jahr widersetze ich mich der klar erkennbaren und so plötzlich wie Weihnachten auftretenden Realität der Ablesung Jahr für Jahr habe ich Angst vor dem strengen Ableser; werde ich ihn wieder rumkriegen, unter den Tisch zu krabbeln?

Und alles nur, weil ich nichts daran tun will, die Schreibtischsituation zu flexibilisieren. Oder die Einrichtung insgesamt so zu ändern, dass der Zugang kein Problem ist. Herumlavieren und Angst haben scheint einfacher.

Aber das ist doch auch Mist. Die Konsequenz habe ich heute kassiert. Gesparten Flexibilisierungsaufwand habe ich jetzt teuer gespart. Chaos beseitigen, Schreibtisch aufbauen – was nur mit Hilfe möglich war – und alles wieder herrichten haben einigen Aufwand gemacht. Und das natürlich zu einem Zeitpunkt, da es mir gar nicht in den Kram gepasst hat.
Das will ich mir nun eine Lehre sein lassen. Angst ist ein Indikator. Da heißt es, nicht zurückzucken, sondern die Ursache aus der Welt schaffen. Zwei Möglichkeiten sehe ich:

  1. Begrüßung mit einem kleinen Geschenk für seine Mühe. Seine Situation anerkennen, um Verständnis bitten für die eigene und honorieren, dass er sich auf eine Sonderbehandlung einlässt. Damit würde ich mir die Angstfreiheit platt erkaufen. Ich habe wenig Zweifel, dass das funktionieren würde. Wieviel wäre ich bereit auszugeben?
  2. Ich räume ein für alle Mal mit dem Schreibtisch auf. Ich mache ihn mobiler, flexibler. Dazu könnte ich ihn fester zusammenfügen, damit er leichter zu bewegen ist. Und ich könnte drumherum und obendrauf aufräumen. Zeug, das herumfliegt, in Kästen packen, die ich schnell wegräumen kann. Die Kabel am Boden entwirren und fixieren, damit sie nicht umeinanderfliegen.
Option 2 wäre wohl die konsequente, saubere Lösung – die auch im Verlauf der nächsten 12 Monate zu erreichen wäre. Der Break-even wäre in 1-2 Jahren bestimmt erreicht. Eventuelle Investitionen sind fix – Geschenke hingegen würden solange fließen müssen, wie ich dort wohnen bleibe. Dito die Angst. Sie wäre weiterhin mein alljährlicher Gast, wenn ich nichts tue.
Also, auf geht´s! Flexibilisieren wider die Angst!

Kommentare:

Patrick Fritz hat gesagt…

Ich traue mich kaum eine derart einfach Lösung zu posten, aber es reizt mich trotzdem: bei mir wurden dieses jahr funk-thermostate installiert ;-)

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Patrick: Schöne Lösung - nur nicht in meiner Reichweite. Darüber habe ich keine Kontrolle. Sag das meiner Hausverwaltung oder Kalorimeta.

Thomas hat gesagt…

Hallo Ralph,
ich finde dein Beispiel sehr passend bezogen auf Projektsituationen.
Natürlich kam hier der Klassiker der Natur zum Einsatz "Lernen durch Schmerzen",
ich glaube den kennt jeder.

Und dein Beispiel zeigt mir mal wieder die Zusammenhänge zwischen Angst - Verantwortung - Macht / Ohnmacht
und dem Grundsatz für Veränderungen

Angst:
"Die Angst beraubt den Fuß der Kraft zum Vorwärtskommen und sie nimmt deinem Intellekt die Fähigkeit zum Denken"

Verantwortung - Macht / Ohnmacht:
"Der Mensch ist schnell dabei, wenn es darum geht, Verantwortung abzuschieben. Man schiebt die Verantwortung gerne an andere
und gibt so seine eigene Macht, die Dinge zu beeinflussen, ab.
Manche Menschen schätzen es jedoch, sich als Opfer bezeichnen zu können.
Wer Opfer ist, hat normalerweise viele Menschen auf seiner Seite, er erhält viel Aufmerksamkeit.
Aber "Opfer sein" heißt, machtlos sein. Wollt Ihr das wirklich?"

"...ein Mensch, der wirklich Macht hat, ist für sein Leben verantwortlich. Und das geht einigen dann doch zu weit.
Viel lieber ist man das Opfer; dann hat man wenigstens die Möglichkeit, sich zu beklagen und andere für das eigene
Elend verantwortlich zu machen."

Grundsatz für Veränderung:
"Ein Änderung muß zuallererst bei mir selbst beginnen"

(Es sind fast alles Zitate aus dem LOLA - Prinzip... aber vorsicht beim lesen es ist sehr 'esoterisch')

Gruß Thomas

Frank hat gesagt…

Die Situation kenne ich, nur die Angst davor ist mir fremd. Mein Schreibtisch ist größer, schwerer, stabiler und gar nicht zu verschieben, höchstens zu "demontieren", da er aus einer 2x1m Glasplatte auf zwei Lautsprecherboxen besteht. Oben drauf steht noch ein guter alter 30kg 21" Röhrenmonitor. Zudem ist der verbleibende Raum zwischen den Boxen relativ schmal und wird noch schmaler durch den Tower, der dort steht. Also denkbar schlechte Voraussetzungen.

Aber gerade dadurch bin ich entspannt, weil ich denke, das alles wegen der 15 Sekunden abzuräumen, kann keiner von mir verlangen.

Im ersten Jahr habe habe ich zumindest den Tower beiseite geräumt, um meinen guten Willen zu zeigen. Das ist schon lästig genug, weil man ihn nicht wegräumen kann, ohne alle Kabel zu ziehen. Deshalb blieb der die Jahre danach einfach stehen.

Immer wenn der Ableser kommt, gucke ich entschuldigend lächelnd und frage ob es so geht oder ob ich noch was wegräumen soll, wohl wissend, dass kein Ableser sich die Zeit nehmen würde, auch nur die Minute zu warten, die es kosten würde, den Rechner runterzufahren, abzustöpseln und wegzuräumen. Das weiß ich nicht zuletzt deshalb, weil ich den Job als Student selbst ein paar Jahre lang gemacht habe. Meine Kooperationsbereitschaft hing immer davon ab, wie nachvollziehbar die Situation war und wie nett die Leute gefragt haben.

Obwohl ich mir also die Sache beim Schreibtisch und beim Tower also leicht mache, gibt es zwei Punkte, die ich im Gegenzug für den Ableser tue. Zum einen sauge ich den Zugang gründlich und wische auch den Staub vom Heizkörper und vom Tower, so dass der Ableser ohne Husten- und Ekelanfälle an den Heizkostenverteiler kommt. Zum anderen bekommt er nachher ein kleines Trinkgeld. Sollte er sich wirklich ärgern, dass er krabbeln musste, hat er zumindest einen kleinen Ausgleich.

Das hat nun schon 16 Jahre lang reibungslos funktioniert. Selbst neulich, als ich nicht vor Ort sein konnte. Da habe ich meinen Nachbarn den Schlüssel gegeben und gleich neben den ersten Heizkörper einen Zettel gelegt, auf dem "im Arbeitszimmer ist der Heizkörper unter dem Schreibtisch, Sorry" stand und das Trinkgeld lag. Auch das hat funktioniert und ich habe keine Klagen gehört.

In der Küche habe ich vorgesorgt. Ich hatte das Glück, dass die Verteiler erst nach meinem Einzug eingebaut wurden. Meine Waschmaschine steht zur Hälfte vor dem Heizkörper. Die Mitte des Heizköpers ist gerade noch verdeckt, eine Rippe weiter jedoch schon frei. Daher habe ich die Waschmaschine gar nicht erst weggeräumt, um die korrekte Montagestelle zugänglich zu machen, denn sonst hätte ich die Maschine jedes Mal zum Ablesen wegrücken müssen, sondern dem Monteur wahrheitsgemäß(!) erklärt, dass der Heizkörper so gut wie nie an ist. Er hat dann Verteiler eine Rippe weiter vom Zulauf entfernt angebracht, was praktisch gesehen keinen Unterschied macht.

Furryfriend hat gesagt…

Das "Schreibtischproblem" haben wir auch, aber wirh haben ja jetzt Funkablesegeräte.... Von der Hausverwaltung kam auch ein hübscher Prospekt, dass der Ablesedienst ja nicht mehr in die Wohnung müsse (hahaha). Nun klebte letztens wieder der gefürchtete Kalorimeta-Zettel im Hausflur. Schön dass der Ablesedienstnur 2x die Woche für jeweils 2 Stunden erreichbar ist (unter einer Handynummer)... nun gut, ein Anruf beim freundlichen Herrn S. mit dem Hinweis auf die Funkablesung ergab "Davon weiss ich gar nichts, ich muss in die Wohnung" Da frag ich mich doch ob die Mieter veräppelt werden sollen...