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Mittwoch, 9. September 2015

Eine Chance zur Integrationshilfe

Eigentlich ist für mich als Hamburger die Flüchtlingswelle, die nach Deutschland fließt, eine recht abstrakte Größe. Am Straßenbild hat sich für mich bisher nichts verändert. Menschenbunt ist Hamburg schon lange. Nur die Medien hatten mir bisher davon berichtet, was da so zukunftsverändernd gerade massiv passiert.

Jedenfalls bis neulich. Denn da habe ich Nour Saeed aus Syrien kennengelernt.

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Aber der Reihe nach: Eigentlich hatte ich ein kleines Programmierprojekt, das ich outsourcen wollte. Zuerst wollte ich den Entwickler in Indien wieder engagieren, mit dem ich schon einmal zusammengearbeitet hatte. Doch dann überlegte ich, dass dies vielleicht eine Chance sei, einem Flüchtling zu helfen. Unter denen gibt es doch bestimmt auch Softwareentwickler. Nur wie das herausfinden?

Da fügte es sich, dass ich einen Hinweis auf die Plattform workeer.de bei facebook sah. Manchmal ist facebook doch tatsächlich nützlich ;-) workeer.de bezeichnet sich als “Die erste Jobbörse für Geflüchtete und Arbeitgeber, die ihnen Chancen eröffnen wollen.”

Also habe ich die Liste der Jobsuchenden durchgeblättert und fand sogar einen Softwareentwickler mit C#-Kenntnissen darin: Nour Saeed. Bingo, Glückstreffer!

Nach Anmeldung bei workeer.de konnte ich mit ihm Kontakt aufnehmen. Er spricht derzeit noch kein Deutsch, aber mit Englisch ging es auch. Also begannen wir über die Konditionen zu verhandeln, wie er für mich tätig werden könnte.

Nour ist als Flüchtling anerkannt und darf in Deutschland arbeiten. Das Jobcenter stellt ihm eine Wohnung zur Verfügung und darüber hinaus noch 400€, von denen er einen Teil für die Wohnung abgibt, Elektrizität und den Internetzugang bezahlt - und dann von ca. 300€ seinen Lebensunterhalt bestreitet. Allerdings weiß Nour nicht, wie unser Arbeitssystem funktioniert. Wo ist der Unterschied zwischen Praktikum, Anstellung, Selbstständigkeit? Wohin könnte ich ihm einen vereinbarten Stundensatz überweisen? Könnte er mir eine Rechnung schreiben? Das waren Fragen, mit denen er überfordert war. Und er fühlte sich auch außerstande, sie mit seinem Jobcenter zu klären, denn dort spricht man eher kein Englisch.

Wie es sich ergab, rutschte die Priorität für mein Projekt im Verlauf der Tage, die wir per Email kommunizierten aus verschiedenen Gründen, die nichts mit Nour zu tun hatten, aber nach unten. Die Umsetzung war nicht mehr wichtig. Also auch nicht mehr die Beantwortung dieser Fragen für mich. Ich bot Nour daher alternativ an, er könne sich aber mit Code Katas des Coding Dojo der CCD-School schon einmal warmprogrammieren ;-) Ich würde ihm gern Feedback zu seinen Lösungen geben.

Dabei hätte es bleiben können. Aber dann ließ mich das Thema Flüchtlingswelle doch nicht in Ruhe und ich überlegte, ob ich mehr für Nour tun könnte. Also bot ich ihm an, einmal nach Güstrow zu kommen, wo er derzeit lebt. Mit einem Artikel in meinem Blog hoffte und hoffe ich, seine Sichtbarkeit als motivierten Softwareentwickler zu erhöhen. Vielleicht findet sich ja ein Unternehmen, dass für ihn einen Platz hat.

Nour ist derzeit 26 Jahre alt und hat seinen Bachelor in Information Systems Engineering mit Schwerpunkt in Software application development. Interessanterweise hat er den letzten Baustein zum Abschluss seines Studiums per Skype eingebaut. Denn zu dem Zeitpunkt war er schon nicht mehr in Syrien. Es war ihm einfach sehr wichtig, einen qualifizierten und international relevanten Abschluss trotz aller Widrigkeiten zu schaffen. Denn eines war klar: Wo immer er aufgenommen würde, er will arbeiten, seinen Lebensunterhalt selbst verdienen und sich weiterentwickeln.

Das Gepäck, dass er, seine zwei Brüder und seine Eltern aus Damaskus mitnehmen konnten, war naturgemäß klein. Der Vater hatte sein Geschäft verkauft, um die Flucht finanzieren zu können. Was nicht in einen Rucksack und einen Koffer pro Person passte, musste zurückgelassen werden.

Aber Nour hatte nicht nur seinen Laptop eingepackt, sondern auch C# 2.0 - The Complete Reference, d.h. das für ihn beste verfügbare Buch zum .NET Framework. Dieses seitenstarke Buch sollte ihm in den folgenden Monaten ein treuer Begleiter sein.

Als ich in seine Wohnung in Güstrow komme, sehe ich es gleich auf der Fensterbank liegen. Dass er es durch alle Strapazen der Flucht behalten hat, beeindruckt mich. So sieht Lernwille aus.

Begonnen haben Nour und seine Familie die Flucht wohl Ende 2013. Auslöser war sein bevorstehender Studiumsabschluss. Er musste fürchten, danach von der syrischen Armee eingezogen zu werden. Eine Aussicht, die ihm Angst machte, da er für dieses Regime nicht Gefahr laufen wollte, sein Leben zu opfern. Aber auch die Alternative, bei einer der vielen Gruppen von Freiheitskämpfern zu dienen, war für ihn keine Option. Im Verlauf unseres Gesprächs berichtet er davon, wie Freunde von ihm auf dieser Seite gefallen waren - und wofür? Es war nicht einmal klar, ob die jeweilige Gruppe wirklich etwas für das Volk getan hatte oder nur für eigene Vorteile.

Darüber hinaus wäre seine Familie aber auch nicht sicher vor Übergriffen der einen oder anderen “Armee” gewesen. Er berichtete von Folterungen und Tötungen auch Unbeteiligter. Sich schlicht für Freiheit auszusprechen, birgt in Syrien ein hohes Risiko. Zum Beleg zeigte er mir ein Video in der arabischsprachigen “Parallelwelt” bei Youtube, auf dem Zivilisten brutal von Soldaten der regulären syrischen Armee zu Tode gebracht werden unter höhnischen Fragen, was sie nun zu ihrer Idee von Freiheit sagen würden. Nour übersetzte - und für mich war es kaum auszuhalten, das mitansehen zu müssen.

Dass Nour und seine Brüder sich in dieser Realität dafür entschieden haben, sich und ihre Familien in Sicherheit zu bringen… Wer würde ihnen das verdenken?

Der Plan war jedoch zunächst, nach Auflösung des väterlichen Geschäfts, nur in die Türkei zu flüchten. Das schien ihnen ausreichen weit entfernt und gleichzeitig immer noch heimat- bzw. kulturnah. Der Weg führte sie mit einer normalen Ausreise nach Beirut im Libanon, von dort mit einer Fähre nach Mersin/Türkei. Dort verbrachten sie einige Zeit, um dann nach Istanbul weiter zu ziehen.

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Insgesamt lebten sie 7 Monate in Instanbul. Dort fing Nour an, Türkisch zu lernen und versuchte, Arbeit als Softwareentwickler zu finden. Leider ohne Erfolg.

Als das mitgebrachte Geld sich dem Ende zuneigte, sah die Familie keinen anderen Ausweg, als weiterzuziehen. Sie erkundigten sich, wo es größere Chancen auf Arbeit gebe. Deutschland und Schweden wurden als Ziele auserkoren.

Mit dem unverheirateten Bruder und einigen Freunden versuchte Nour, über die grüne Grenze nach Griechenland zu gelangen. Zweimal ohne Erfolg. Beim ersten Mal, weil die Gruppe getrennt wurde. Beim zweiten Mal, weil sie geschnappt wurden. Als er das berichtet, lacht er und sagt, “But it was fun!” Bei aller Ungewissheit und Angst sei es ja am Ende gut ausgegangen. Die türkischen Soldaten, die sie aufbrachten, waren nett, hatten zwar Hunde und Gewehre - aber nur zur Abschreckung. Geladen waren die Gewehre nicht.

Nach diesem Misserfolg ging es zurück nach Istanbul. Jetzt konnte nur noch eine Schlepperbande helfen. Für mehrere Tausend Euro pro Person wurde ein Transfer erkauft, der sie über Izmir, Bodrum, Marmaris in einen Lastwagen führte. Der brachte sie bei Nacht und Nebel irgendwo an der Küste zu einem Boot, das sie nach Kalymnos übersetzte.

Von dort nahmen sie eine reguläre Fähre nach Athen, wo er sein Flugticket nach Deutschland bekam. Das galt jedoch ab Kreta, von wo er schließlich nach Berlin gelangte. Seine Brüder folgten erst später.

Die Eltern nahmen derweil die Route Italien, Kopenhagen nach Schweden.

In Berlin angekommen suchte Nour sich mit Hilfe eines türkischen Taxifahrers ein Hotel - das der sogar bezahlte. Am nächsten Tag stellte er sich bei den Behörden vor und fand nach einem weiteren Monat seinen vorläufigen neuen Heimatort: Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern.

Das war im September 2014. Nach Monaten in der Türkei und in Griechenland, nach Reisen zu Lande, zu Wasser und in der Luft war Nour angekommen. Die deutschen Behörden haben ihn “ins System” aufgenommen. Alles läuft seinen Gang. Nour lebt mit seinem Bruder in einer Wohnung. Nebenan wohnt der andere Bruder mit seiner Frau. Die Einrichtung ist bescheiden. Aber alle sind satt und warm.

Aber das war es dann auch schon.

Denn seit September 2014 ist nichts mehr passiert. Das Jobcenter verwaltet Nour und seine Brüder, macht aber keine Angebote. Für August 2015 war ein Sprachkurs in Rostock in Aussicht gestellt - doch dann wurde das Zugticket dahin doch wieder gestrichen. Es würde demnächst ein Sprachkurs in näherer Umgebung beginnen. Welch verschenkte Chancen durch eine Wartezeit von mehr als 12 Monate auf einen simplen Sprachkurs!

Nour hat also in Deutschland ein Jahr lang im Grunde keine wirkliche Integration erfahren. Der Kontakt mit den Behörden ist umständlich, weil man dort kaum Englisch spricht. Er muss immer Bekannte um Vermittlung bitten. Während ich ihn besuche, klingelt die Postzustellerin mit einem Paket. Nur durch meine Vermittlung kann geklärt werden, was es damit auf sich hat.

Die Selbstversorgung klappt. Internet gibt es auch. Aber Kontakt besteht nur zu anderen Flüchtlingen - via Smartphone und Laptop. Ständig höre ich aus dem Nebenzimmer die Benachrichtigungstöne von Apps wie Skype, Whatsapp oder Viber.

Nours Hoffnung ist, einen Job als Entwickler in einer Großstadt zu bekommen. Berlin, Hamburg… das ist ihm egal. Er würde gern in C# arbeiten und eher serverseitig zu Web-Anwendungen beitragen. Doch auch das ist verhandelbar. Hauptsache es geht voran.

Das größte Problem für Nour und seine Brüder ist die Untätigkeit, die Langeweile. Güstrow ist auch wirklich keine Stadt, die mit Ablenkungsangeboten glänzt. Und da das Geld sehr knapp ist, sind Ausflüge in die weitere Umgegend nicht einfach.

Sein kleiner Bruder möchte weiter nach Schweden zu den Eltern. Aber Nour kann sich ein Leben in Deutschland gut vorstellen. Dass die Verhältnisse in seinem Heimatland eine Rückkehr nahelegen, sieht er nicht ab. Dort wieder angstfrei leben zu können, dort zum Wiederaufbau der Gesellschaft beitragen zu können, das ist sein Traum. Doch bis dahin will er hier für sich sorgen und etwas lernen.

In mehr als sechs Stunden Gespräch kommen wir aber irgendwie nicht dazu, mal etwas gemeinsam mit .NET zu machen. Eigentlich hatte ich gedacht, wir gehen eine kleine Aufgabe an, so dass ich mal Nours Arbeitsweise kennenlerne. Doch es gibt so viel zu fragen und zu erzählen. Außerdem will er mir noch ein syrisches Gericht servieren: Kichererbsen stundenlang gekocht mit Brotstücken in Spezialsoße nach Geheimrezept seines Vaters.

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Da die Besorgung einer Zutat durch den Bruder etwas stockt, verschiebe ich meine Rückreise. Aber das lohnt sich, denn das Ergebnis von Nours Kochkunst ist sehr lecker.

Natürlich sprechen wir in der ganzen Zeit auch über Softwareentwicklung und sein Studium. Nour hat in Damaskus auch mit Java und C++ Erfahrung gesammelt. Doch C# hat ihm am Ende am meisten gefallen.

Und genauso natürlich kommen Kultur und Religion zur Sprache. Islam im Fernsehen ist etwas anderes als gelebter bzw. erzählter Islam von Praktizierenden.

Doch die unterschiedlichen Auffassungen in dieser Hinsicht sind am Ende unwichtig. Verbindend ist das gemeinsame Interesse an der Softwareentwicklung und vor allem an einem Leben, das von Sinn erfüllt ist und in Frieden sich entwickeln kann. Mehr sucht Nour nicht. Er möchte seine Interessen und Kenntnisse einbringen können.

Ich als Freiberufler kann ihm dabei nur begrenzt helfen. Selbst ein kleines Projekt hier und da sind ja nicht das, wonach Nour sucht. Wer könnte also mehr bieten? Wo ist ein Team, das noch etwas Verstärkung braucht? Wer kann pragmatisch helfen bei der Integration eines Kollegen aus dem fernen Syrien? Eine Email an mich genügt. Ich stelle gern den Kontakt zu Nour her. Der würde sich sehr freuen.

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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Inspirierend! Ich drück die Daumen für den jungen Mann und seine Familie!

Manuel hat gesagt…

Ralf! Du stehst ab sofort auf meiner Liste der coolen Leute!

Marco Barenkamp hat gesagt…

Wenn er was kann, soll er sich gerne bei mir melden..dann finden wir auch eine Beschäftigung für ihn.

Marco Barenkamp, CEO, LMIS AG

Anonym hat gesagt…

Jemand der sein C# - Buch mitnimmt will etwas erreichen. Mich hat der Artikel
sehr berührt und ich finde der junge Mann hat eine Chance verdient

Norbert