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Mittwoch, 22. Oktober 2008

Warum ich Vortragsagendas nicht mag [OOP 2009]

Ein Vortrag soll mit einer Agenda beginnen - so will es... ja, wer eigentlich? So ist es zumindest. Oft, meistens, wenn man Vorträge auf Entwicklerkonferenzen sieht. In irgendeinem Rhetorik-Lehrbuch mag das mal gestanden haben und jedes Buch mit Inhaltsverzeichnis scheint das zu unterstreichen.

Aber ich halte davon gar nicht. Und so sage ich es denn auch immer wieder den Teilnehmern der Rhetorikseminare des Professional Developer College. Die reagieren dann mit Überraschung, Unglauben, Skepsis. Das könne doch nicht sein. Man müsse doch dem werten Publikum einen Überblick geben, bevor man mit dem Eigentlichen des Vortrags beginnt.

Nun, dann möge man hier einmal hineinschauen:

image

Das ist ein absolut typischer Vortrag auf einer Entwicklerkonferenz. So beginnt er denn auch mit einer Agenda. Der Sprecher zeigt, wie er sich den Vortrag in thematische Abschnitte gegliedert denkt. Und er spricht darüber. Damit er sich an die Struktur erinnert, hat er das kanonische Agenda-Slide an den Anfang der Vortragslides gesetzt.

Ja, genau, damit der Sprecher sich erinnert, deshalb ist dieses Slide dort. Kein anderer Grund scheint mir plausibel. Warum? Weil der Referent die Punkte abliest. Er liest den Text vor und fügt nichts hinzu. Warum sollte er das tun, wenn er sich seiner Vortragsstruktur erinnerte? Dann würde er nämlich nicht dieselben Worte benutzen, die jeder Zuschauer auch lesen kann.

Was habe ich nun als Zuschauer davon, dass der Referent 1. eine Agenda zeigt und 2. diese Agenda nur vorliest, wie es meistens der Fall ist? Nichts. Mir wird dadurch nichts klarer. Ich baue keine Vorfreude auf, ich bin nicht überrascht, ich fühle mich nicht erhellt. Denn dass ein Vortrag mit dem Titel "Architecting for Latency" am Anfang Latenz generall thematisiert, um sicherzustellen, dass alle dasselbe darunter verstehen, dann weiter geht zu den Gründen, warum ihre Berücksichtigung sinnig ist, anschließend die Schwierigkeiten beleuchtet und am Ende - hört, hört! - Lösungen aufzeigt... nun, das (!) erwarte ich, wenn ich auch nur 30 Sekunden über das Thema nachdenke.

image So hat die Agenda keinen Nutzen. Sie langweilt nur. Wie üblich. Ihr Informationswert ist Null. Darüber hinaus nimmt sie einem Vortrag jede Spannung. Wer würde schon zu Beginn eines Krimis dessen Agenda gern kennenlernen? Nichts anderes als ein "kleiner Krimi" sollte ein Vortrag aber sein: er sollte Spannung erzeugen. Die Zuschauer sollen sich in jeder Minute fragen, wie es wohl weitergehen mag in Richtung Lösung. Sie sollen emotional gefesselt sein, mitfiebern, Interesse haben. Dafür ist eine Übersicht allerdings denkbar ungeeignet.

Aber Columbo war doch auch immer Spannend, obwohl man schon zu Anfang wusste, wer der Bösewicht ist. Ja, das stimmt. Aber Columbo hat nie am Anfang verraten, wie er (!) das herausfindet. Die Spannung bestand darin, eben nicht (!) zu wissen, wie er das für uns Offensichtliche langsam erarbeitet. Columbo mag eine eigene Agenda, eine Methode gehabt haben - verraten hat er sie uns aber nicht.

Also: die Agenda am Anfang eines Vortrag hat keinen Nutzen für die Zuschauer. Entweder haben sie ohnehin schon die Erwartung, dass es so, wie der Referent beabsichtigt, durchs Thema geht. Oder sie kennen das Thema nur wenig - dann verstehen sie nicht, was der Referent da überhaupt in der Agenda nacheinander listet. Sollte schließlich beides nicht stimmen und die Zuschauer toootal von der Agenda überrascht sein... tja, dann hat der Referent sein Pulver im Grunde verschossen. Dann hat er schon am Anfang verraten, dass er eine Überraschung für das Publikum hat. Wie langweilig.

Ein Inhaltsverzeichnis, eine Agenda ist nur sinnvoll, wenn der Zuschauer mit ihrer Kenntnis Entscheidungen besser treffen kann. Welche Entscheidung soll er aber bei einem 60min Vortrag treffen? Bei einem Buch kann er nach Lektüre des Inhaltsverzeichnisses zu einem für ihn besonders interessanten Kapitel springen. Im Vortrag muss er im schlechtesten Fall bei vollem Bewusstsein 50min ausharren, um dann in den letzten 10min zu hören, was ihn interessiert. Die Agenda hat ihm Hoffnung und Überraschungseffekte genommen.

Bei einem mehrtägigen Training mag es sinnig sein, am Anfang kurz den Verlauf des Trainings zu skizzieren, damit Teilnehmer ihre Ressourcen einteilen können. Doch auch in dem Fall bin ich skeptisch, dass das mehr bringt als eine diffuse Beruhigung. Denn wer trainiert werden will, der hat naturgemäß wenig Ahnung vom Thema. Was nützt also einem Trainingsteilnehmer bei einem .NET Grundlagenseminar die Information am 1. Tag, dass er am 4. die Weihen der WinForms UserControl Programmierung empfangen wird? Soll er damit Vorfreude aufbauen? Hm...

Dass (!) ein Thema behandelt wird, ist natürlich wichtig zu wissen. Ohne diese Information würde man ein Training kaum buchen. Aber in welcher Reihenfolge die Inhalte vermittelt werden... was nützt diese Information? Sie macht es dem Referenten sogar schwer, während der Stoffbehandlung den Weg durchs Thema zuschauerbezogen zu wählen.

Bottom line: Wer noch eine Agenda am Anfang seines Vortrags hat, streiche sie ersatzlos.

Besser als eine Agenda ist ein knackiger Einstieg, der das Publikum ohne Verzug "abholt" und auf eine spannende Fahrt durch das Thema mitnimmt.

Kommentare:

Marc hat gesagt…

Und jetzt erzähl mal, wie man so einen "knackigen Einstieg" als Alternative zur Agenda gestalten könnte.

Gruss, Marc.

Heiko hat gesagt…

Eine verblüffende Idee, aber absolut überzeugend. Eine Agenda ist eigentlich nur dazu da, damit die Zuhörer wissen, wie lange sie noch auf das Ende warten müssen.

Ich habe demnächst bei uns intern einen Vortrag über Softwarearchitektur zu halten. Da werde ich das gleich mal ausprobieren. Mal sehen ob mir ein guter Einstieg gelingt.

Gruß Heiko

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Marc: Der "knackige Einstieg" ist natürlich themenabhängig oder referentenabhängig. Er kann für jedes und jeden anders aussehen.

Auf den von mir zitierten Vortrag "Architecting for Latency" bezogen hätte die Agenda (und noch ein wenig mehr) einfach nur ersatzlos gestrichen werden können. Der Sprecher hat eigentl einen Aufhänger, den er ausbauen könnte.

Nach dem Agenda-Blabla und dem überflüssigen Ausflug in seinen Background (überflüssig, weil er damit nur wiederholt, was jeder aus dem Abstract schon weiß: es geht ausschließlich um "web applications") fängt er den eigentlich Inhalt seines Vortrags so an:

"If you´re depending on your web services, your web sites to make money for your company..."

Das holt die Leute ab! Da stellt jeder im Publikum die Ohren auf. Es geht ums liebe Geld!

Die Zuschauer da zu packen, ist die richtige Idee. Leider reizt er sie aber nicht aus. Was er hätte tun sollen? Eine Geschichte dazu erzählen. Die Anspielung auf New Orleans hätte er nur ausschmücken müssen. Leider hat er das nicht getan.

Statt die Agenda runter zu leiern, an deren Anfang steht "What causes latency?", hätte er einfach nur ein plastisches Beispiel bringen müssen, mit dem jedem klar wird, dass es da um Latenz geht. Pars pro toto. Danach das Beispiel verallgemeinern, damit andere Ursachen für Latenz allen klar werden. Fertig.

Es ist komplett unnütz bei einem 55min Vortrag darüber zu reden, worüber man gedenkt zu reden. Das bringt niemanden voran. Und sein Verhalten beim Ablesen der Agenda zeigt, dass er das im Grunde weiß. Deshalb kann er auch mit ihr nichts anfangen. Sein ppt Template ist eines der Standardtemplates, seine Struktur auch.

Ist das Template deshalb hübsch? Nein. Ist seine Struktur deshalb wirksam? Nein.

Also: Der Gedanke, Publikum mit einer Agenda zu orientieren zu wollen, ist löblich. Dennoch ist er hier in Bezug auf die Form fehl am Platze. 55min brauchen keine Orientierungshilfen, so wie auch 2,5 Std "Der englische Patient" keine Orientierungshilfe brauchen.

Eine Agenda ist schlicht der Ersatz für den Aufwand, darüber nachzudenken, wie ein Einstieg sonst aussehen könnte. Das ist ok, wenn man das weiß und in Kauf nimmt, dass das Publikum es auch weiß. Wem kein anderer, knackiger Einstieg einfällt, der nimmt halt eine Agenda - und gibt damit zu erkennen, dass er es nicht besser kann. Schade.

Worum geht es bei einem Vortrag? In kurzer Zeit positive Emotionen zu einem Thema zu wecken - und auch noch Inhalt rüberzubringen.

Weckt eine Agenda Emotionen? Nein. Transportiert sie Inhalt? Nein! Sie sagt etwas über den Inhalt aus, gehört aber nicht zum Inhalt. Damit ist sie doppelte Zeitverschwendung.

Aber schlimmer als die Zeitverschwendung ist die Abwesenheit von Energie. In eine Agenda packt niemand Verve, Energie, Leidenschaft, Motivation. Also kommt davon auch nichts beim Publikum an. Also verschenkt die Agenda Potenzial, das Publikum zu begeistern. Während ihres Vortrags entsteht keine Identifikation mit dem Referenten.

Das mag nun alles übertrieben klingen. Was rege ich mich über eine Agenda auf? Für sich genommen ist die Agenda dann auch gar nicht sooo schlimm. Aber wo eine Agenda ist, da ist ganz schnell noch mehr im Argen. Das zeigt auch der zitierte Vortrag.

So kommen dann viele "broken windows" in einem Vortrag zusammen. Und am Ende... da steht dann ein gelangweiltes Publikum.

Wirksamkeit geht ein Slide nach dem anderen verloren. Hier die Agenda, dort zuviel Text, da ein Slide vorgelesen...

Deshalb: Wehret den Anfängen! Wer schon am Anfang seines Vortrag den Anspruch hat, zu wirken, der bemüht sich darum auch eher im weiteren Verlauf.

Es ist ja keine Schande, wenn einem Sprecher nicht sofort ein knackiger Einstieg einfällt. Dann muss man halt überlegen oder Kollegen befragen. "Was fändet ihr als Einstieg spannend? Wie könnte ich euch auf den Haken nehmen, euer Interesse wecken?" Das kann man als Referent im Vorfeld auch fragen.

Und wenn einem dann immer noch nichts einfällt... dann hilft manchmal Ehrlichkeit oder persönliche Geschichte. Von sich erzählen. Für den zitierten Vortrag hätte das bedeuten können, der Sprecher beginnt mit "You know what happened to me last winter when I wanted to fly back from Chicago to Austin?" und erzählt dann, wie er stundenlang auf dem Flughafen saß, weil die Software zu Abfertigung ausgefallen war, weil sie nicht darauf ausgelegt war, mit den witterungsbedingten Störungen im Strom- oder Datennetz umzugehen.

Quasi alles ist erlaubt, was die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf den Inhalt fokussiert, sie in den Inhalt reinzieht. Eine Agenda lässt sich außen vor.

Angebot: Wer meint, zu einem Vortragsthema keinen knackigen Einstieg zu finden, kann sich gern bei mir melden. Ich bin sicher, zusammen finden wir einen, der besser ist als jede Agenda.

-Ralf

Andre hat gesagt…

Den meisten deiner Ausführungen stimme ich voll und ganz zu. Den Entwickler langweilt die Agenda! Als Ausnahme fiel mir lediglich ein, dass in einigen Vorträgen, die ich vor IT-Managern hielt, die Agenda unsinniger weise zwingend gefordert wurde.
Im Zusammenhang mit der Agenda fällt mir auch gleich eine zweite Unsitte ein: Wie stehst du zur zweiten Standardfolie nach der Agenda: Der Vorstellung des Sprechers?
Ich denke wenn diese kurz und bündig ausfällt (Name XY, Unternehmen XY, Aufgabe im Unternehmen) ist dies OK, vor allem weil man so als Sprecher die Möglichkeit zur Werbung für das eigene Unternehmen hat. Allerdings gibt es für meinen Geschmack viel zu häufig Vorstellungen, in denen der Sprecher erzählt, was er z. B. vor 20 Jahren unter DOS oder dem C64 tolles gemacht hat. In meinen Augen total uninteressant. Was denkst du?

Gruß,
André

Hannes Bischof hat gesagt…

Hallo,

im Grundsatz gebe ich Ihnen recht, meistens ist eine Agenda nicht wirklich sinnvoll. Es mag jedoch Situationen geben in denen die Agenda doch Ihren Sinn hat. Dies ist meiner Meinung nach dann der Fall wenn der Sprecher Zwischenfragen zu beginnd es Vortrags erlaubt. In diesem Fall zeigt die Agenda den kurzen Verlauf durch den Vortrag auf und verhindert somit unnötige Fragen von Zuhörern die später im Vortrag evtl. noch behandelt werden. Werden Fragen erst am Ende eines Vortrags behandelt, verliert die Agenda jedoch wieder Ihren Sinn.

Gruß

Hannes Bischof

SJ hat gesagt…

1. Punkt bei dem erlernen des Trainer/Refrenten Handwerks:

NEVER wirklich NEVER EVER lese die blöde Powerpoint Folie vor. Der Betrachter kann (meistens) selber lesen. Also nimm deine eigenen Worte und lese bitte niemals einen Satz vor der vorn schon dran steht.


(immer wieder lustig / belastend wenn man mal darauf achtet bei einem Vortrag)

Howard

Marc hat gesagt…

Danke, Ralf, für die weiteren Ausführungen. Ja, ich glaube ich probiere das mal. Und ich habe mir auch schon einen "Schlachtplan" ausgedacht. Zunächst einmal entfällt bei mir die Agenda komplett an seine Stelle tritt einfach eine leere Folie mit dem Title "Dieser Vortrag verzichtet auf die Agende" (oder so ähnlich) mit einem Verweis auf Deinen Blogeintrag. Während diese Folie aufgelegt ist, beginne ich mit dem knackigen Einstieg und erzähle einfach eine Geschichte aus meinem täglichen Entwicklerleben das natürlich zum Thema passt.

Bei der Sprecher-Folie habe ich es in der Vergangenheit immer so gehalten, nicht zu erzählen was ich alles so mache (das steht ja auf der Folie) sondern vielmehr den Teilnehmer erzähle in welchem Umfang und in welcher Form ich das betreffende Thema um das es in meinem Vortrag geht in der Praxis eingesetzt habe.

Viele Grüsse,
Marc

Hartmut hat gesagt…

Danke Ralf, das ist ein guter Beitrag. Sicherlich, viele Vorträge sind mit einer Agenda durchführbar. Aber die kreativieren, spannenderen, die eben, an die man sich länger erinnert (als Zuhörer), benötigen dieses Korsett sicherlich nicht zwingend.
Schöne Grüsse, Hartmut

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@André: Was tun, wenn die Agenda gefordert ist? Ins Slidedeck aufnehmen, aber überspringen oder zumindest nicht thematisieren.

Was tun mit dem Selbstvorstellungsslide? Ans Ende des Slidedecks. Der Referent stellt sich nicht am Anfang vor. Warum? Weil in den alllllermeisten Fällen der Referent den Zuschauern bekannt ist. Oder sie können sich mit ihm anhand der in einem Programm abgedruckten Kurzbio vertraut machen.

Nur wenn der Referent wirklich nicht bekannt ist, kann er ein paar Worte über sich verlieren. Dann hat er aber in der Regel auch kein Slidedeck vorbereitet.

Der Normalfall ist: Referent bekannt, weil Veranstalter den Referenten ausgewählt hat. Dann ist eine Vorstellung überflüssig, weil sie vom Inhalt ablenkt.

Ausnahme: Der Referent baut sich bzw. seine Firma mit ins Thema ein. Beispiel: "Ich arbeite bei Acme Inc und unsere Software muss ausfallsicher sein. Unser Business ist soundso. Da verstehen sie, dass wir pro Jahr höchstens mal zu Weihnachten, wenn nichts los ist, 1min Downtime tolerieren können. Als CIO stellt das an mich folgende Anforderungen..." usw.

So macht Persönliches zum Referenten Sinn in Bezug auf das Thema, wegen dessen die Zuschauer da sind. Alles andere ist Selbstbeweihräucherung oder Marketing. Dafür habe ich dann kein Verständnis.

Wenn ein Referent zum mir bekannten Thema auf die Bühne kommt und mehr als 3 Sätze weder etwas zum Thema sagt noch entertaint, ist der Anfang suboptimal. Agenda und Selbstvorstellung sind kein Entertainment und bringen das Thema nicht voran. Deshalb streichen.

-Ralf

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Hannes: Macht die Agenda Sinn, wenn Zwischenfragen erlaubt sind? Nein. Warum sollte ich dafür den geplanten Fortgang des Themas erklären müssen? Es reicht zu Anfang eine Bemerkung, ob und wann Fragen gewünscht sind.

Meistensteils würde ich aber sogar das weglassen. Zumindest in Entwicklerveranstaltungsvorträgen ist es Usus, Fragen immer zuzulassen. Warum also an eine diesbzgl. Erklärung Zeit verschwenden.

Überhaupt: Wer bei einem normalen Vortrag Organisatorisches am Anfang klären muss, hat irgendetwas nicht verstanden. Wie kompliziert kann ein Vortrag sein? Der ist nicht dafür gedacht, kompliziert zu sein. Daran sollte man sich halten. "Usability" oder "Audience Experience" sind Trumpf! Dazu gehört: das Publikum muss keine organisatorischen Regeln lernen oder große Energie aufwenden, um dem Vortrag folgen zu können. "Energieloses Zuhören" ist das Ziel.

-Ralf

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Howard: Da hast du Recht: Nie Text auf einem Slide vorlesen!

Wenn das aber gilt, was passiert dann mit dem Publikum, wenn Text auf einem Slide steht? Es liest ihn selbst.

Wenn es Text selbst liest, ist es damit beschäftigt und verliert den Referenten aus dem Blick. Der Kontakt reißt ab. Damit sinkt das "Energieniveau" im Raum.

Ergo: Am besten keinen Text auf Slides. Oder nur gaaanz wenig. Oder Text, den der Referent erklärt, aber nicht abliest - wenn es sein muss. Dazu gehören Code-Schnippsel.

-Ralf

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Marc: Zur Agendafolie: Eine nette Idee, die Agenda auf der Metaebene zu thematisieren. Aber ich würde es nicht tun. Damit erzeugst du Verwirrung, die das Publikum auch von dir und deinem Vortrag ablenkt. Wenn du die Agenda einfach weglässt und stattdessen einen knackigen Einstieg hinlegst, merkt es eh keiner.

In den Handouts kannst du eine Agenda drucken lassen, falls es die gibt. Nur zeige sie nicht und rede nicht drüber.

Wer seinem Vortrag eine sichtbare, explizite Struktur geben möchte, der kann allerdings Überschriftenslides einbauen. Die können einen Abschnitt einleiten. Während das Slide zu sehen ist, kann man den Abschnitt dann beginnen. (Nicht das Slide vorlesen ;-) Ist aus meiner Sicht aber nur ein Kompromiss für Agendaanhänger.

Zur Sprecherfolie: Einfach ans Ende des Slidedecks. Kann also drin bleiben, aber nicht am Anfang.

Wenn du dann etwas über dich und das Thema erzählen willst - ein legitimer Einstieg -, dann ohne spezielles Slide. Das kannst du auch machen, wenn im Hintergrund noch das Titelslide zu sehen ist.

-Ralf

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Hartmut: "Durchführbar" sind Vorträge mit oder ohne Agenda. Aber "Durchführbarkeit" darf nicht das Ziel sein. Dann wird nämlich nichts besser. Die misst sich nämlich nur daran, wann die Zuschauer den Referenten ausbuhen oder einschlafen oder kollektiv den Raum verlassen ;-)

Wer wirksame und kurzweilige Vorträge halten will, sollte einfach auf alles verzichten, das vom Thema ablenkt und keine Emotionen erzeugt. Metainformationen wie die Agenda oder Sprecherinfo oder Floskeln wie "Gleich erzähle ich Ihnen dies..." sind da kontraproduktiv.

Innere Präsenz und Kontakt zum Publikum sind der Schlüssel. Alles, was sie reduziert, gehört nicht in den Vortrag. Sogar "Fakten, Fakten, Fakten" sind demgegenüber nachrangig! Das bedeutet nicht, dass man Murks erzählen soll, sondern nur, dass keine Info für sich nützt, sondern es immer (!) auf die Verpackung ankommt.

-Ralf

Damir Tomicic hat gesagt…

Einverstanden. Die Übersicht ist eine Hilfe für den Sprecher, der unsicher und für jede Hilfestellung in geschriebener Form dankbar ist. Dem Publikum bringt es rein gar nichts, den Raum verlässt man hauptsächlich weil einem langweilig ist - anderseits bleibt man dennoch sitzen, auch wenn das Thema inhaltlich nicht sehr nützlich ist.

Genauso gilt für die Sprüche "Ich werde mich kurz fassen", "Es wird kurzweilig" oder "Wie sie hier lesen können ...".

Hier auch einige weitere Hinweise meinerseits :-)

http://tomicic.de/2007/06/08/SoNichtDieStartupFehlerUndWorstPractices.aspx

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Damir: Das sehe ich genauso: Sprüche über die eigene Rede sind überflüssig. Sie kaschieren lediglich Unsicherheit.

Deinen Tipps

"Du brauchst dich nicht vorzustellen. Die Zuschauer werden dadurch nur irritiert." und "Eine Agenda ist überflüssig. Am Anfang gleich alles verraten, das geht doch nicht ... "

kann ich allerdings - wie hier ausführlich erläutert - nicht zustimmen. Auch

"Zeige nie eine Folie länger als 2 Minuten an. Das erhöht die Spannung. Praktischerweise brauchst du mindestens 120 Folien."

ist nicht einfach ein guter Tipp. Die Zahl der Folien hängt von der Vortragsdauer und ihrem Inhalt ab. 120+ Folien bei 90min habe ich schon gesehen und es kann funktionieren.

-Ralf

Hannes Bischof hat gesagt…

Hallo Ralf,

was ich gemeint hatte war nicht das in der Agenda stehen sollte das Zwischenfragen erlaubt sind, sondern eher das die Agenda generell Sinn macht wenn Zwischenfragen erlaubt sind. Vielleicht an einem kleinen Beispiel:

Der Sprecher beginnt mit "... am Beispiel des Flughafensystems zeigt das Pattern XY das man auch ..." jetzt kommt z.B. die Zwischenfrage "... was ist das Pattern XY genau ...". Hätte man eine Agenda würde dort evtl. stehen:

- Beispiel zum Pattern XY
- Genauer Aufbau des Pattern XY
- Weitere Anwendungsmöglichkeiten

Ich finde dies nicht schlecht um solche unnötigen zwischenfragen einfach zu vermeiden.


Gruß

Hannes

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Hannes: Danke für die Klärung.

Dennoch meine ich, dass eine Agenda hier genauso wenig zum Einsatz kommen sollte.

1. Egal, welches Level an Details eine Agenda hat, sie kann solche Zwischenfragen nicht vermeiden. Wenn eine Agenda detaillierter ist als ein Abstract, dauert sie eh zu lang. Also ist ein guter Abstract das Mittel der Wahl, um solche Fragen zu vermeiden.

2. Selbst wenn eine Agenda diese Zwischenfrage vermeiden helfen könnte, erinnern Zuschauer sie? Am Anfang eines Vortrag sind für mich als Zuschauer viele Begriffe abstrakt. Deshalb sitze ich ja im Vortrag. Eine Agenda bleibt bei mir also nur schwer haften und bei Minute 34 habe ich vergessen, dass darin ja stand, dass XYZ nach ABC behandelt werden soll. Ich sehe ABC und wundere mich, was mit XYZ ist und frage - trotz Agenda.

3. Selbst wenn eine Agenda wirklich solche Fragen vermeiden hülfe, dann würden Zuschauer andere Fragen stellen - außer, sie schlafen, sie sind zu gebannt, trauen sich nicht oder der Referent hat es verboten.

Ergo: Es kommt ohnehin zu Fragen. Der Referent lernt also besser, damit umzugehen. Bei den vielen Vorträgen, die ich mache, kann ich mich auch nicht daran erinnern, dass solche Fragen störend häufig vorgekommen wären.

Aber selbst wenn eine Frage überflüssig (für den Referenten) sein sollte, so ist sie immer auch eine Chance. Sie ist ein Feedback der Zuschauer und sie gibt Raum für eine kleine Pause. An deinem Beispiel:

Das Feedback ist, dass der Referent XY erwähnt, ohne dass das Publikum weiß, wovon er redet. Warum tut er das? Die Begründung, XY würde ja später noch erklärt, zieht nicht so recht. Er spricht dennoch im Abstrakten und die Zuschauer rätseln.
Alternativ: Nur der Frager hat keine Ahnung von XY. Dann kann der Referent nicht auf die spätere Erklärung verweisen, denn die hat er wg allgemein vorausgesetzter Kenntnis nicht eingeplant.

Aber ich will mal nicht so sein ;-) Lassen wir es mal berechtigt sei, dass XY vor der Erklärung genutzt wird. Dann kann ich die Frage benutzen, um das Publikum zu motivieren. Ich gebe ihm positives Feedback zu seinem Verhalten als Publikum. Das könnte so gehen:

"Das ist eine gute Frage! Was ist XY eigentlich genau? Warum hilft bei diesem Flughafensystem XY? Warum hilft es mehr als AB, dessen Einsatz Sie vielleicht erwartet haben? Lassen Sie mich noch kurz zwei weitere Aspekte des Flughafensystems im Überblick zeigen und darin drei ungewöhnliche Patterns verorten, dann zoome ich hinein und beschreibe die Patterns genauer. Den Überblick gebe ich Ihnen jetzt aber schon, damit sie den Zusammenhang sehen, in dem die Patterns stehen."

So wäre die Situation "gerettet". Da steckt zwar auch "Metarede" drin, deren Sinn und Zweck immer zu hinterfragen ist, aber hier macht sie aus gegebenem Anlass mehr Sinn als bei einer allgemeinen Agenda.

-Ralf

Jan hat gesagt…

Meine Herrn, worüber man sich doch so alles auslassen kann. Ich will eure Bemühungen in keinster Weise herabwürdigen und vielleicht habe ich auch einfach noch nicht genügend Präsentationen gelauscht. Aber eine Präsentation, so wie ich sie verstehe, ist kein Film oder gar ein Krimi. Wenn ich mir das anhöre, dann um was zu lernen. Das ist für mich Motivation genug. Eine gute Präsentation muss nicht durch unterhaltsame Elemente aufgewertet werden, denn sie überzeugt mit Leichtigkeit durch ihre fachlichen Inhalte.

Auch finde ich an einer Agenda überhaupt nichts auszusetzen. Was habe ich von einer fehlenden Agenda außer einer Präsentation im Blindflug und der angepriesenen Spannung?

Gruß, Jan

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Jan: Eine weit verbreiete Reaktion: "Wenn ich mir das anhöre, dann um was zu lernen." Und so soll es ja auch sein. Natürlich soll man etwas lernen, mitnehmen von einer Präsentation. Natürlich ist eine Präsentation auch nicht einfach ein Krimi.

Aber wäre eine Präsentation kein "Erlebnis", sondern eben nur reiner "Sachvortrag", dann wären 2500 Jahre Rhetorik und 50 Jahre Lernpsychologie schlimmt umsonst gewesen.

Und dass ein Vortrag ohne Agenda kein "Blindflug" ist oder die "Blindheit" niemanden stören muss, beweisen all die gelungenen Präsentationen, die eben keine Agenda haben.

Gute Beispiele dafür lassen sich zuhauf bei http://www.ted.com/ finden. Dort habe ich bisher nur spannende und lehrreiche Vorträge gesehen - und keiner, kein einziger hat je eine Agenda gehabt.

-Ralf

Jan hat gesagt…

Hallo Ralf,

danke für Deine Antwort. Ich will spannende, Agenda-freie Vorträge nicht verteufeln. Bloß ein wenig bezweifeln ob sie so viel Lobpreisung verdient haben. Ich weiß einfach gerne was mich erwartet.

Vielen Dank für den Link. Die Seite ist mir neu und sieht interessant aus.

Nun bleibt mir wohl bloß, haufenweise Vorträge anzuhören und meine Meinung zu festigen oder zu ändern. :)

Gruß, Jan