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Freitag, 12. Januar 2007

Wer hören kann, ist klar im Vorteil

Gerade habe ich ein Blogposting meiner, hm, "Mitphilosophin" Ina Schmidt gelesen, in dem Sie in durchaus poetischen Worten, das Hören preist oder zumindest ins Bewusstsein hebt. (Mit Ina treffe ich mich regelmäßig zum "philosophischen Diskurs" in einem hamburger Kaffeehaus - sozusagen Kaffeehausphilosophie, statt Kaffeehauskonsultation ;-) - und wir arbeiten daran, einen totalen Bestseller zu schreiben. Natürlich zum heißen Thema Philosophie, ist ja klar. Aber mehr kann ich noch nicht verraten...)

Also, Ina lobt das Zuhören und ich habe sofort das Gefühl gehabt, dass das auch irgendwie relevant für die Softwareentwicklung ist. Aber wie...? Dann ist es mir aufgefallen: In der Softwareentwicklung hat Zuhören keinen so großen Stellenwert wie in anderen Branchen.

Oder genauer: Nicht nur das Zuhören, sondern allgemeiner das Rezipieren, das Aufnehmen, das Auf-sich-wirken-lassen. Denn die Softwareentwicklung beginnt mit dem Produzieren - und ist stolz darauf. Ein Programmierkurs ist gelungen, wenn die Teilnehmern möglichst schnell etwas produziert haben. Man soll Code schreiben lernen - nicht lesen.

Damit ist die Softwareentwicklung wohl quasi symptomatisch für einen großen pädagogischen bzw. didaktischen Trend. Denn in den Schulen steht ja heute der Ausdruck der Kinder im Vordergrund. Kinder sollen lernen, sich zu äußern, sich zu produzieren. Es geht wider den Stubenhocker und stillen Duckmäuser! Nicht nur der Befehlsempfänger als ultimativer Rezipient ist out, schon das schlichte Zuhören ist out. Belege dafür sind auch die unzähligen Fernsehshows, in denen sich jeder quasi nach Belieben produzieren kann. Die letzten Zuhörer sind die Moderatoren; ihre Aufgabe ist aber nicht das partnerschaftliche Zuhören, sondern die Lenkung (oder gar Provokation) der Produktion.

Unsere Gesellschaft ist also eine geworden, in der der Ausdruck, die Selbstproduktion im Vordergrund steht. Und die Softwareentwicklung hat das zum Credo in ihrer Ausbildung erhoben.

Relevant wird das nun, wenn man schaut, woran es bei der Softwareentwicklung hakt: nämlich bei der Kommunikation. Die Kommunikation mit dem Kunden ist immer wieder schwierig. Aber auch im Team ist´s nicht immer leicht. Und dann beim Support.

Meine These: Diese Schwierigkeiten haben damit zu tun, dass das Rezipieren in der Softwareentwicklung von Anfang an einen so geringen Stellenwert hat. Code lesen, Kunden zuhören, Anwendern lauschen, Literatur studieren... das wird nicht gelehrt.

"Code Reading" ist das einzige Buch, das ich kenne, das sich mit dem Lesen von Code beschäftigt. Allen anderen geht es ums Schreiben.

Natürlich soll und muss Code geschrieben werden. Softwareentwickler sollen Produzenten sein. Klar. Sie werden nicht nur für´s Zuhören bezahlt; sie sind ja keine Therapeuten oder Beichtväter.

Insgesamt aber, scheint mir, ist die Waagschale des Produzierens zu schwer. Es sollte etwas mehr Gewicht auf die andere Waagschale gelegt werden. Zuhören, aufnehmen, rezipieren sollte auch explizit geübt werden.

Warum? Nicht aus philosophischen Gründen oder Gutmenschtum. Rezipieren, d.h. aktives Aufnehmen und nicht passives "auf Durchzug schalten" ist einfach die andere Seite der Medaille bei der Interaktion lernender Systeme mit ihrer Umwelt.

Lernende Systeme - einzelne Menschen oder auch Organisationen - sind auf ständige Interaktionen mit ihrer Umwelt angewiesen, um "auf Kurs zu bleiben". Im Sinne des Konstruktivismus müssen sie ständig ihr internes Modell von der Umwelt überprüfen, um ihre "Passgenauigkeit" (Viabilität) zu erhalten. Lernende System müssen handeln (Produktion) und dann wahrnehmen, was passiert (Rezeption). Immer und immer wieder. Je größer der Wandel in der Umwelt, desto häufiger müssen diese Interaktionen stattfinden.

Wer dann aber vor allem nur handelt und nicht gleichzeitig auch rezipiert, auf Feedback lauscht, der lernt nichts dazu. Der geht von einem Modellstand aus und festigt ihn mit jeder Handlung, da er Feedback, welches dem Modell widersprechen könnte, nicht wahrnimmt.

Je weniger das Rezipieren in der Softwareentwicklung also Thema ist, desto schlechter lernen Softwareentwickler und Projektteams - vor allem aus "menschlichen Feedbackquellen". Deshalb kann ich Inas Ermunterung zum Zuhören nur zustimmen. Lernen wir alle besser zuhören, besser aufnehmen, empfangen. Ich bin sicher, dass sich dadurch die Beziehungen zu Kunden und Kollegen nur verbessern können - und der Projekterfolg leichter zu erringen ist.

Schenken wir mehr Aufmerksamkeit...

Aber halt, das Thema "Schenken" behandle ich lieber ein andermal.

Kommentare:

Hans-Jürgen Philippi hat gesagt…

Zitat: "Unsere Gesellschaft ist also eine geworden, in der der Ausdruck, die Selbstproduktion im Vordergrund steht."

Treffer und versenkt. Und doppelsinnig überdies, so ein Statement in einem Blog - *der* Plattform und Zeitdokument für Selbstproduktion schlechthin! :-)
Wobei gerade Blogs eben auch Gewicht in die andere Waagschale werfen: Auch wenn sie in der Unterzahl sind, es gibt sie tatsächlich, die Zuhörer/Leser, die mehr Interesse am Aufnehmen als an eigener Produktion haben. Ich bin z.B. so einer. Ich lese selektiv diverse Posts, mache mir meine Gedanken, weiß aber um den Produktionsüberschuss (sic!) in dieser Hinsicht und verkneife es mir weitgehend, selber -oftmals ungelesenen- Output in die Welt zu stellen. Dafür ist mir meine Zeit zu kostbar, die nutze ich lieber für weiteres aufnehmen.

Aber die eigentliche bottom line ist: Es stimmt, es wird zu wenig zugehört, in der Industrie allgemein und in der IT besonders. Nicht umsonst wird ein Aktionist, der schnell Resultate irgendwelcher Art aufweisen kann (und das müssen nicht zwingend positive sein!), bewundernd ein "Macher" genannt. Die Bewunderung für den exquisiten "Hörer" stellt sich eher selten ein...

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Hans-Jürgen: Du hast Recht, die Frage liegt nahe, ob ein Blog oder gar mein Blog ein Ausdruck der Tendenz zu mehr Selbstproduktion ist?

Hm... die Antwort muss wohl Ja lauten. Insofern, um quasi meinen "Output" in Blogs und sonstwo zu rechtfertigen ;-), würde ich sagen: Mein Statement war noch zu allgemein. Unsere Gesellschaft legt nicht nur Selbstproduktion nahe - denn die ist nicht per se schlecht -, sondern legt wenig/nichts auf die andere Waagschale. Zuhören könnte dort nämlich liegen; anderen zuhören und auch sich selbst zuhören (Reflektion).

Die zu beklagende Selbstproduktion ist nämlich vor allem die, die einfach so losplaudert. Sie verliert den anderen aus dem Blick und ist auch an Wahrheit kaum interessiert und insofern Bullshit.

Öffentliche Selbstproduktion (also anders als im Tagebuch) sollte daher immer die Umwelt im Blick behalten. Tut sie das nicht, muss sie sich dem Vorwurf des Autismus aussetzen. Sie ist dann immer noch legitim - aber im Grunde irrelevant.

Nur "Zuhören" auf der anderen Seite ist aber auch so eine Sache... Wer immer nur zuhört, aufnimmt, die Produktionen anderer nutzt, setzt sich dem Verdacht des "free riding", des Schmarotzertums aus.

Zum Zuhören gehört für mich daher auch die Bereitschaft, das Gehörte auf sich wirken zu lassen und irgendwie, irgendwo weiterzugeben.

Macher allein genügt nicht, nur Zuhörer allein genügt nicht. Unser soziales System braucht "Transformatoren" :-), die zuhören und dann machen.

Als solchen sehe ich mich zum Beispiel. Meine Blogs oder Artikel usw. sind dabei das, was ich tue, mein Output. Der aber entsteht durch Transformation und Anreicherung von allem Möglichen, was ich aufnehme. Quellen können da die .NET-Community sein, in die ich dann etwas zurückspeise, oder die Philosophie, aus der ich etwas für die Softwareentwicklung lerne - oder umgekehrt und auch ganz anders.

-Ralf

Hans-Jürgen Philippi hat gesagt…

"Wer immer nur zuhört, aufnimmt, die Produktionen anderer nutzt, setzt sich dem Verdacht des "free riding", des Schmarotzertums aus."

Hmm, ohne dass ich das jetzt mal auf mich beziehe... ;-) Es ist schon so wie Du sagst, dass unreflektiertes Geben genauso wenig nutzten mag wie ausschließliches Nehmen. Der Schlüssel liegt in deren Wechselbeziehung.
Tatsache ist IMHO jedoch, dass es beide Extreme gar nicht geben kann. Jeder Mensch handelt zwangsweise in actio et reactio - wir sind so "designed". Wenn ich z.B. nur 20 Zeilen am Code meiner Freeware ändere, weil ich irgendwo einen relevanten Blog-Beitrag zu C# gelesen habe, dann ist *das* meine Reaktion darauf. Und wenn dann wieder Dritte von meiner jetzt besseren Software profitieren, sind dies die Nehmer und ich bin der Geber. Es muss ja nicht zwangsweise auch wieder ein geschriebener Beitrag oder Kommentar sein!
Andere Reaktionen mögen subtiler und nicht immer so klar in Beziehung zu bringen sein, aber in meinen Augen reagiert jeder auf alles. Es geht gar nicht anders.

Interessant zu beobachten, wie ich unter der Diskussion dieses Themas meine Meinung dazu schon wieder korrigiere. Es scheint mir fast, als hätte es diese zwanghafte Selbstproduktion schon immer gegeben, weil sie in unseren Genen liegt. Der Mensch ist ein kommunikatives Wesen, wir *müssen* uns mitteilen und definieren/finden darüber unsere Position in der Gesellschaft.
Vielleicht wird das nur heute, in der Zeit der Medien-Allmacht und informellen Explosion erst so deutlich greifbar und als störend empfunden?

Ralf Westphal - One Man Think Tank hat gesagt…

@Hans-Jürgen: Natürlich habe ich dich nicht mit dieser Beurteilung des Verhaltens vieler direkt gemeint. Ich meine auch nicht Softwareentwickler im Speziellen.

Du hast selbstverständlich Recht, wenn du die Verbesserung einer Software aufgrund der Lektüre eines Blog-Eintrags als Transformation bezeichnest. So hatte ich das auch gemeint.

Und auch selbstverständlich, dass es nicht nur reine Macher und reine Hörer geben kann. Das wäre ja so wie Write-Only-Memory :-)

Und dennoch... Gerade im Fernsehen ist immer noch die Bullshit-Selbstproduktion in Mode; Big Brother ist grad wieder angelaufen und hat offensichtlich genügend Zuschauer.

Und File-Sharing-Plattformen oder auch Open Source Projekte wie Linux "leiden" unter dem Missverhältnis von Machern und Nehmern. Es gibt immer soviele mehr, die nur konsumieren und nicht geben, zumindest eben nicht in das Projekt, von dem sie profitieren.

Ohne eine solche "Rückgabe" aber sind solche Projekte Monologe. Und das ist schade.

Alle würden noch mehr profitieren, wenn das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen ausgewogener wäre - direkt oder indirekt.

Da du solchen allgemeinen/philosophischen Gedanken ausgeschlossen gegenüber bist, schau doch mal in mein Blog zu einer "Philosophischen Haltung" rein (s. Linkliste auf der rechten Seite).

-Ralf